Mensch & Unternehmen

Ein Antikörper-Set gegen alles

Oliver Pötz
Christoph Jäckle/Universität Tübingen

Wenn alles so läuft, wie es sich Oliver Pötz und sein Team erhoffen, dann könnte die frisch gegründete Firma Signatope den Markt für Proteinbiomarkertests bald gehörig aufmischen. Denn die Immunoassays des Reutlinger Start-ups haben es in sich. Und wie so oft, wenn aus Grundlagenforschung eine Innovation wird, stand auch für die Gründung von Signatope der Zufall Pate.

Während seiner Doktorarbeit am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) der Universität Tübingen „stolperte“ der Biochemiker über einen ungewöhnlichen Antikörper. „Der erkannte in seinem Zielprotein ein extrem kurzes Epitop aus nur drei Aminosäuren.“ Zusammen mit seinen Kollegen Thomas Joos, Dieter Stoll, Hannes Planatscher und Markus Templin entwickelte sich schnell eine „aufregende“ Idee: Hätte man mehrere solcher Antikörper, die jeweils eine andere Dreierkombination der insgesamt 20 natürlich vorkommenden Aminosäuren erkennen, dann ließe sich mit einer Kombination dieser wenigen Antikörper jedes beliebige Protein im gesamten Proteom ansteuern. „Das war unsere Vision.“

Am NMI bekam Pötz‘ Team alle Unterstützung, um der Idee nachzugehen. „Das hat sich hier wie eine Art U-Boot-Projekt entwickelt“, sagt Pötz. Zunächst tauchte er ins Labor ab, suchte sich einen Satz solcher Antikörper zusammen und zeigte, dass die Methode in Verbindung mit einem Massenspektrometer eine Vielzahl an Proteinen quantifizierbar macht.

2012 taucht Pötz‘ U-Boot-Crew dann beim GO-Bio-Wettbewerb auf und nimmt 2,7 Mio. Euro Förderung mit an Bord. Pötz‘ Idee überzeugt, weil die Antikörper in der Lage sind, einen bestimmten Biomarker in verschiedenen Spezies nachzuweisen. „Man muss also nicht mehr für Maus, Ratte, Mensch, Hund, Affe, Katze jeweils mühsam einzelne Antikörper herstellen, um zum Beispiel ein bestimmtes Protein nachzuweisen“, sagt Pötz. Das ist normalerweise nötig, weil ein Protein in verschiedenen Spezies geringe Unterschiede in dem einen oder anderen Aminosäure-Baustein haben kann. Ein Antikörper, der große Epitope aus vielen Aminosäure-Bausteinen erkennt, funktioniert dann womöglich nicht mehr. „Unser Testsystem kann hingegen über all diese Spezies hinweg das gleiche Protein analysieren.“ Das vereinfacht und beschleunigt die Tests nicht nur, sondern macht sie auch günstiger.

Pötz‘ Team am NMI hat so inzwischen „cross-spezies Immunoassays“, XIM genannt, entwickelt, die beispielsweise Biomarker für Nieren- oder Blutgefäßschäden nachweisen können. Oder auch Enzyme des Cytochrom P450-Systems, die in Leberzellen nach Wirkstoffgabe mal häufiger, mal seltener sind – ein wichtiger Hinweis auf Wechselwirkungen von Medikamenten und ihre Dosierung. Pharmafirmen brauchen solche Tests, um für neue Medikamentenkandidaten sowohl vor als auch während klinischer Studien nachzuweisen, dass sie Organe wie Niere, Leber oder Gefäße nicht beeinträchtigen. „Einige dieser Tests sind jetzt soweit entwickelt, dass wir sie als Service anbieten können, weshalb wir uns entschlossen haben, Signatope jetzt und nicht erst nach Ablauf von GO-Bio zu gründen.“ Bis Mitte nächsten Jahres läuft die Förderung noch, 600.000 Euro hat Signatope dadurch als Startkapital noch zur Verfügung. Mit neuen Investoren ist Pötz im Gespräch, Namen kann er noch nicht nennen.

Gute Tipps für die Gründung haben die Reutlinger beim Science4Life Gründerwettbewerb bekommen, wo sie Platz sechs erreichten. „Das Feedback der Gutachter war sehr hilfreich“, sagt Pötz, für den sich der Wandel vom Forscher zum Unternehmer bislang gut anfühlt. „Am NMI ist das wohl auch nicht ganz so drastisch“, sagt der Biochemiker. „Das NMI ist ein Forschungsinstitut, das sich zu gut 40 Prozent durch Forschungsaufträge aus der Industrie finanziert, so dass in den Forschungsprojekten die Entwicklung von wissenschaftlichen Ergebnissen hin zu einem marktfähigen Produkt immer eine Rolle spielt.“ Gründerkultur gehöre einfach zum NMI, das schon über ein Dutzend Start-ups auf den Weg gebracht hat. „Mit Kunden zusammenzuarbeiten ist daher nicht neu für uns“, sagt Pötz. „Das jetzt auf eigenes Risiko zu machen, ist ungewohnt, aber auch spannend.“

Foto: Im August 2016 gründeten Biochemiker Oliver Pötz und sein Team die auf Biomarkertests spezialisierte Signatope GmbH in Reutlingen.