Mensch & Unternehmen

Kleine Peptide, elefantöse Aussichten

Oliver Kreuzer
peptides&elephants

Nein, Elefanten verkauft Oliver Kreuzer nicht. Dafür wäre in den vollgestopften Räumen von peptides&elephants im Golmer Wissenschaftspark bei Potsdam auch wirklich kein Platz mehr.

Weshalb der Geschäftsführer seine Peptidsynthesefirma dringend neue Räumlichkeiten sucht. Seit Peptide nicht mehr nur Forscher interessieren, sondern als potente Wirkstoffe für die Immuntherapie von Krebs gelten, kann sich der Chemieingenieur nach langen schwierigen Gründerjahren inzwischen über volle Auftragsbücher freuen. 50 Prozent Umsatzsteigerung im vergangenen Jahr machen den 50-Jährigen so zuversichtlich, dass er nun sogar eine neue Firma ausgründen will, die sich der Produktion von Peptiden für die klinische Anwendung widmen soll.

Bis hierhin war es ein weiter Weg für den – laut Selbstbeschreibung – „Sturkopf“. Anfangs, im Jahr 2000, sind noch drei Kollegen mit an Bord, die mit ihm gemeinsam die Idee für einen Peptidsyntheseroboter verwirklichen wollen, die Kreuzer schon Jahre zuvor hatte, als er noch bei Evotec in Hamburg arbeitete. Eine Idee, die so simpel wie genial ist, da sie erlaubt, aus Aminosäuren sehr viele Peptide parallel in kurzer Zeit zu synthetisieren – ohne dass eine Peptidfraktion mit Resten anderer vermischt wird: „Der Roboter benutzt einfach für die 20 natürlich vorkommenden Aminosäuren jeweils eine Pipette“, sagt Kreuzer.

Zunächst läuft alles rund. 1,4 Millionen Euro aus der „Futur2000“-Förderung nutzt das Team, um einen Prototyp des Roboters zu bauen und zum Patent anzumelden. Zinsser Analytics übernimmt den Vertrieb, das erste Gerät wird in die USA verkauft.

Doch weitere Kunden finden sich nicht. Erst steigt Zinsser aus, dann die Kollegen und plötzlich ist Kreuzer mit seinem Roboter allein. Um Schulden zu bezahlen, trennt er sich sogar von seinem Patent. Der Elefantenfriedhof droht. „Wir waren unserer Zeit voraus“, meint Kreuzer. Noch wollte niemand Bibliotheken aus hunderten verschiedenen Peptiden. Doch Kreuzer macht weiter, steht allein im Labor, verkauft Peptide und schlägt sich mit einem klapprigen Seat Marbella durch.

Inzwischen hat er einen neuen Volvo und 12 Mitarbeiter, denn Peptide sind begehrtes Ausgangsmaterial für die vielversprechenden Immuntherapien gegen Krebs geworden. „Früher hieß es immer: Peptide sind keine Wirkstoffe“, sagt Kreuzer. „Aber durch die Immuntherapie sind ganz normale Peptide ohne irgendwelche Veränderungen zu Therapeutika geworden.“ Zu Kreuzers Kunden gehören nun nicht nur Forscher vom Robert-Koch-Institut, dem Münchener Helmholtzzentrum oder Pioniere der Immuntherapie wie Steve Rosenberg vom NIH. Auch Biotech- und Pharmafirmen bestellen in Golm. Während Konkurrenten fünf Wochen brauchen, um ein Set von hunderten Peptiden zu produzieren, könne er in zwei bis drei Wochen liefern, sagt Kreuzer – „in der Regel auch zur Hälfte des Preises unserer Wettbewerber“. Der Syntheseroboter macht‘s möglich.

Konkurrenz fürchtet Kreuzer nicht. Der Käufer des Patents – die inzwischen zum schwedischen Unternehmen Gyros gehörende US-Firma Protein Technologies – nutzt die Technik nicht. Sie konnte den Syntheseroboter nicht marktfähig machen. „Gut für uns“, sagt Kreuzer.

Um den Zug zum Immuntherapie-Geschäft nicht zu verpassen, will der Unternehmer nun Propria Therapeutics gründen – wenn die Suche nach Investoren erfolgreich verläuft. Die Labors des Start-ups sollen dann so strukturiert werden, dass die individuellen Sets von Peptiden für jeden Patienten in eigens dafür reservierten Laborparzellen synthetisiert werden – um auch auf dieser Ebene Kreuzkontaminationen zu verhindern. Die ersten Peptide wird das schwedische Karolinska-Institut für klinische Tests neuer Immuntherapien gegen Krebs nutzen. „Karolinska hat bei uns 300 Peptide bestellt, 150 davon krebstypisch mutiert“, sagt Kreuzer. Bei anderen Anbietern könnten die Forscher nur ein Zehntel der Peptidvarianten testen, „sonst fliegen ihnen die Kosten um die Ohren“.

Dass die Immuntherapie von der Routinebehandlung noch weit entfernt ist, um dieses Risiko weiß Kreuzer wohl. „Aber ich habe ein ganz gutes Bauchgefühl dabei.“

Foto: Die Idee zu einem Roboter, der Kreuzkontaminationen bei der Peptidsynthese verhindert, hatte Oliver Kreuzer schon vor fast zwanzig Jahren.