Mensch & Unternehmen

Spannender als in der Apotheke

GeneQuine

„Der Großteil der Leute, mit denen wir Pharmazie studiert haben, stammt aus Apothekerfamilien“, erinnert sich Kilian Guse. Die meisten davon dürfte es dann auch vom Hörsaal der Universität Frankfurt am Main schnurstracks zurück ins elterliche Geschäft gezogen haben.

Für Guse und seinen Kommilitonen Stanislav Plutizki stand das indes nie zur Diskussion: „Wir wollten etwas eigenes auf die Beine stellen.“ Eine erste, noch in Frankfurt entwickelte Geschäftsidee wird noch als „zu unausgereift“ verworfen. Die beiden Pharmazeuten verlassen die Mainmetropole, um sich erste Sporen in der Wissenschaftswelt zu verdienen. Mit einem Doktortitel dekoriert trifft man sich nach ein paar Jahren in Berlin wieder. „Damals habe ich mich als Postdoc am Baylor College of Medicine in Houston in den USA bereits mit dem Thema Gentherapie beschäftigt“, erinnert sich Guse. Die German Scholars Organization hatte 100 deutsche Wissenschaftler aus dem Ausland in die Hauptstadt gelockt, um sie von den Karrieremöglichkeiten in der Heimat zu überzeugen – inklusive eines Empfangs beim Bundespräsidenten. Da Plutizki mittlerweile bei einem Pharmakonzern in Berlin arbeitete, traf man sich auf ein Bier – und Guse stellte seine neue Idee vor: Basierend auf einer am Baylor College ersonnenen Technologie soll ein auf Gentherapien spezialisierter Wirkstoffentwickler aus der Taufe gehoben werden. Die Reaktion? In den Worten Guses sei Plutizki „sofort Feuer und Flamme“ gewesen. „Nach meiner Zeit in der Pharmaindustrie war mir klar, dass ich gern mehr Verantwortung übernehmen würde. Die Entwicklung eines Wirkstoffs von Anfang bis Ende ist da natürlich die perfekte Aufgabe“, so Plutizki. 

Dass Genequine dann 2012 in Deutschland gegründet wird, liegt an einem überzeugten und überzeugenden Alexander von Frankenberg. Guse traf den Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds auf besagter Veranstaltung mit dem Bundespräsidenten, wo er ihm seine Idee zwischen Champagner und Schnittchen kurz umreißen konnte.

Aufgrund des großen ungedeckten medizinischen Bedarfs konzentriert sich die Genequine Biotherapeutics GmbH derzeit auf die Indikation Arthrose. Als Genfähre kommt ein sogenannter Helfer-abhängiger adenoviraler Vektor zum Einsatz. Das Fernziel ist eine Humantherapie, den ersten Schritt machen Guse und Plutizki aber beim Pferd. „Die Entwicklung von Arzneimitteln für Tiere ist deutlich weniger anspruchsvoll als die von Humanarzneimitteln. Außerdem ist das Entwicklungsrisiko niedriger und die Kosten sind hundertmal geringer“, erläutert Guse. Dass die Wahl auf das Pferd fiel, lag nicht im Geringsten an einer privaten Vorliebe. Mit dem Reiten hatten und haben beide nichts am Hut. Laut Plutizki waren es wissenschaftliche und wirtschaftliche Gründe. So sei das Arthrose-bedingte Lahmen das zweitgrößte Gesundheitsproblem bei Pferden. Dazu kommt, dass ein durchschnittlicher Pferdebesitzer durchaus bereit ist, viel Geld für deren Gesundheit auszugeben – „gerade wenn es um das Lieblingspferd der Tochter geht“. 

Derzeit basteln die zwei Gründer an der Folgefinanzierung, damit das Team aufgestockt, ein eigenes Labor eingerichtet und weitere Studien finanziert werden können. Dem Beispiel des Gentherapie-Pioniers Uniqure folgend soll Genequines Methode zu einer Plattformtechnologie ausgebaut werden. „Wagniskapital zu bekommen ist eine Herausforderung“, seufzt Guse, denn „obwohl allgemein Geld in Deutschland vorhanden ist, sieht es speziell bei der Arzneimittelentwicklung eher mau aus.“ Mehr Wagniskapitalgeber und aufgeschlossener gegenüber neuen Ansätzen wie der Gentherapie – womöglich wäre die Finanzierung in den USA schneller über die Bühne gegangen, vermutet der 37-Jährige. „Klar ist die Zukunft in einem jungen Biotech-Unternehmen oft ungewiss“, räumt er ein und schiebt lachend nach: „Doch in der Apotheke meiner Eltern wäre es mir zu langweilig geworden!“ Von den Möglichkeiten der Gentherapie sei er aber auch nach zehn Jahren Arbeit auf dem Gebiet „immer noch so fasziniert wie am ersten Tag“. 

Foto: Die zwei Gründer teilen sich die Geschäftsführung: Stanislav Plutizki (l., 38) kümmert sich um den regulatorisch-medizinischen Bereich, Kilian Guse (37) hält die betriebswirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fäden in der Hand.