PRO & KONTRA

Gene Drives: Beängstigende Fliegen?

Pro: Dr. vetmed. Christoph Then, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor, Testbiotech e.V. Foto: Testbiotech), Kontra: Prof. Dr. Ernst Wimmer, Leiter Abt. Entwicklungsbiologie, Georg-August-Universität Göttingen (Foto: GWDG)

Gene Drives führen zur überproportionalen Vermehrung der von ihnen transportierten DNA-Abschnitte. Ihr Freilandeinsatz ist daher strittig. Doch sind selbst Laborversuche zu gefährlich?

Pro: Dr. vetmed. Christoph Then, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor,Testbiotech e.V.

Bisher hat der Mensch Pflanzen und Tiere insbesondere zu Zwecken der Landwirtschaft gezüchtet oder auch gentechnisch verändert. Jetzt könnte mit Gene Drives auch das Erbgut wildlebender Arten verändert werden. Der Mensch würde damit gewissermaßen einen Eingriff in die "Keimbahn" der biologischen Vielfalt vornehmen. Da der Mechanismus der gentechnischen Veränderung vererbt wird und die veränderten Erbanlagen in jeder Generation homozygot vorliegen, verbreiten sich entsprechende Erbanlagen viel schneller als das sonst der Fall wäre. Mögliche Anwendungen wären die Dezimierung natürlicher Arten beziehungsweise deren Ausrottung. Es könnten aber auch bestimmte biologische Eigenschaften der betroffenen Arten verändert werden, ohne diese zu dezimieren.

Viele Experten warnen davor, derartige Organismen in die Umwelt zu entlassen. Beim derzeitigen Stand des Wissens kann keine belastbare Aussage darüber gemacht werden, wie sich Organismen mit Gene Drive in der Umwelt verhalten. Deswegen sollte bei Laborexperimenten zumindest eine klare Grundregel eingehalten werden: Es dürfen keine Organismen verwendet werden, die nach einem ungewollten Entkommen ihr Erbgut in natürlichen Populationen verbreiten könnten. Außerdem sollten Labors, in denen entsprechende Experimente stattfinden, der Sicherheitsstufe 3 oder 4 angehören. Die deutschen Behörden sollten hier - auch im Hinblick auf ihre internationalen Verpflichtungen in Zusammenhang mit dem Cartagena-Protokoll - auf die Einhaltung höchster Standards achten.

Derzeit hält es die Zentrale Kommission für biologische Sicherheit (ZKBS) aber für ausreichend, S2 vorzuschreiben oder gar Versuche in S1 zuzulassen. Das heißt, die ZKBS hält die Umwelt­risiken für gering. Derartige Einschätzungen beruhen nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen.

Kontra: Prof. Dr. Ernst Wimmer, Leiter Abt. Entwicklungsbiologie, Georg-August-Universität Göttingen

Verantwortungsvoll durchgeführte Versuche zu Gene-Drive-Technologien führen nicht zwangsläufig zu beängstigenden Fliegen. Ziel der Erforschung selbstsüchtiger Gene, die sich unabhängig von den klassischen Vererbungsregeln bevorzugt verbreiten, ist es von Insekten übertragene Krankheiten wie Malaria einzudämmen. Ob diese Zielsetzung für die derzeit gehypten CRISPR-basierten Gene Drives realistisch ist, haben wir experimentell überprüft. Das Ergebnis: Bereits in der ersten Generation greift ein natürlicher Mechanismus, der die Gene-Drive-Ausbreitung verhindert. Das ist einerseits eine Warnung vor zu hohen Erwartungen, andererseits eine Entwarnung, denn das Gefährdungspotential scheint wesentlich geringer als befürchtet.

Spezifische Sicherheitstandards für Gene-Drive-Versuche gab es zu Beginn unserer Experimente im Jahr 2013 noch nicht. Daher gingen wir besonders vorsichtig vor, indem wir in unserem S1-Labor zusätzliche Rückhaltemaßnahmen etablierten und ein System wählten, bei dem ein immanenter biologischer Sicherheitsmechanismus die Ausbreitung des Gene Drives verhindert. Als die ZKBS 2016 empfahl, Gene-Drive-Experimente nur in S2-Laboren durchzuführen, beendeten wir unsere Experimente eigenständig und ließen unsere Situation überprüfen. Die ZKBS-Evaluation bescheinigte unsere Sicherheitsmaßnahmen als angemessen

Umso bestürzter waren wir, als wir erfuhren, dass unsere Arbeit von gentechnikskeptischen NGOs instrumentalisiert wurde. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen - nämlich, dass mir Sicherheitsstandards egal wären und wir unsere Experimente beenden mussten - wurden in Schwarz-weiß-Manier Ängste gegen die Technologie geschürt. Sicherheitsrelevante Forschung grundlos zu diffamieren, ist jedoch nicht hilfreich. Nicht die verantwortungsbewusste Grundlagenforschung zu Gene Drives ist beängstigend, sondern die ideologische Vorgehensweise der NGOs.