PRO & KONTRA

Sollen Pharmafirmen zu viel bezogenes Geld zurückzahlen?

Sollen Pharmafirmen zu viel bezogenes Geld zurückzahlen?
Pro: Dr. Antje Haas, Abteilungsleiterin, Arznei- und Heilmittel GKV-Spitzenverband (Foto: Arznei- und Heilmittel GKV-Spitzenverband ); Kontra: Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender BIO Deutschland e.V. Berlin (Foto: BIO Deutschland e.V. )

Arzneihersteller sollen nach einem Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums die Differenz aus dem verhandelten Erstattungspreis für Arzneiinnovationen und den vor Preisfestsetzung erzielten Einkünften zurückerstatten, wenn diese 250 Mio. Euro überschreiten.

Pro: Dr. Antje Haas, Abteilungsleiterin, Arznei- und Heilmittel GKV-Spitzenverband

Mit dem AMNOG ist erstmals in Deutschland nicht mehr der Unternehmer als Anbieter eines Arzneimittels mit einem neuen Wirkstoff derjenige, der den Preis allein bestimmt. Welchen Preis die Krankenkassen für das Arzneimittel bezahlen, ist Ergebnis eines Bewertungs- und Verhandlungsprozesses. Da hier gründlich gearbeitet wird und faire Regeln herrschen, dauert das Verfahren nicht nur ein paar Tage oder Wochen, sondern ein ganzes Jahr. Dann aber ist ein Preis gefunden, der den Mehrwert des neuen Wirkstoffs gegenüber der bisherigen Therapie abbildet. In Deutschland besteht eine im internationalen Maßstab ungewöhnliche Situation, die für Un-ternehmen wie Patienten gleichermaßen komfortabel ist: Versicherte haben bereits während der Bewertungs- und der Preisverhandlungsphase den Zugang zu dem neuen Arzneimittel und nicht, wie in vielen Ländern üblich, erst nach erfolgreichem Abschluss der Preisverhandlung oder Preisfestsetzung. Daran wollen wir nicht rütteln! Warum aber soll dann der dem Wert des Arzneimittels entsprechende Preis nicht rückwirkend ab dem ersten Tag der Erstattungspflicht für die Krankenkasse gelten? Insbesondere, wenn kein Zusatznutzen oder nicht in allen Teilindikationen ein Zusatznutzen gegenüber der bisherigen Therapie festgestellt werden konnte. In diesen Fällen sind die Mehrausgaben der Krankenkassen durch den überhöhten, allein vom Unternehmen selbst gewählten Preis in keiner Weise zu rechtfertigen.

Die im Rahmen des entworfenen Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes vorgeschlagene Umsatzschwelle ist lediglich ein erster Schritt in die richtige Richtung. Grundsätzlich halten wir die Aufhebung der freien Preisbildung im ersten Jahr für notwendig. Die vorgeschlagene Regelung geht nicht weit genug – vielmehr ist sie eher von symbolischer Wirkung. Im Jahr 2015 hätte eine Umsatzschwelle von 250 Mio. Euro lediglich für drei Arzneimittel eine Wirkung entfaltet. Selbst bei einer Umsatzschwelle von 100 Mio. Euro wären im Jahr 2015 lediglich sieben Arzneimittel von einer solchen Regelung betroffen gewesen. Für einen Großteil der pharmazeutischen Unternehmer verbleibt damit der systematische Fehlanreiz, die Preisfreiheit im ersten Jahr durch Mondpreise gewinnbringend auszunutzen.

Kontra: Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender BIO Deutschland e.V. Berlin

Wir haben uns als Vertreter der innovativen Biotechnologiebranche mit rund 730 forschenden Unternehmen aktiv in den Pharma-Dialog der Bundesregierung eingebracht. Der jetzige Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Arzneimittelversorgung in der GKV (AM-VSG) soll die Ergebnisse des Dialogs abbilden. Das würdigen wir. Es ist eine ehrenwerte Aufgabe der Regierung, die Interessen der Betroffenen und der Handelnden entlang der Wertschöpfungskette der Gesundheitsversorgung abzuwägen und angemessen zu berücksichtigen. Wir halten viele Punkte in dem Gesetzesentwurf für richtig und wichtig.

Die geplante Umsatzschwelle (250 Mio. Euro Apothekenabgabepreis), von deren Überschreiten an der verhandelte Erstattungsbeitrag gilt, ist allerdings Gift für die Entwicklung innovativer Medikamente. Jährlich werden Milliardenbeträge von Industrie und Regierung für Forschung in der Medizin bereitgestellt. Der Grund dafür sind die vielen Menschen, die an Erkrankungen leiden, die noch nicht geheilt oder gelindert werden können. Diese Menschen sind auch der Grund, weshalb Forscher Unternehmen gründen, um Arzneimittel zu entwickeln.

Betrachten wir das Beispiel Morbus Alzheimer: die Erkrankung belastet in Deutschland 1,6 Millionen Menschen und ihre Familien. Die Erkrankung kostet Volkswirtschaft und Gesellschaft jährlich viele Milliarden Euro. Wenn es ein Unternehmen schaffte, ein wirksames Medikament gegen Alzheimer zu entwickeln, würde eine Umsatzschwelle von 250 Mio. Euro schon bei Behandlungskosten von nur 160 Euro pro Patient im ersten Jahr gerissen und Unternehmer müssten um die Refinanzierung der kostenintensiven Forschung bangen.

Das ist unangemessen und respektiert auch nicht die Leistung der wissenschaftlich motivierten Gründer. Diese haben ohnehin ein sehr großes wirtschaftliches Risiko zu tragen, ebenso wie ihre Investoren. Das Beispiel verdeutlicht, dass eine starre Schwelle ungeachtet des Nutzens einer neuen Therapie für Erkrankte und die Gesellschaft nicht sinnvoll ist.

Daher fordern wir, die Umsatzschwelle zu streichen. Neue Therapien dürfen unser Gesundheitssystem nicht finanziell überlasten. Die Versorgung mit neuen Wirkstoffen, die beispiellose Heilungschancen mit sich bringen, sollte der Gesetzgeber unbedingt unterstützen.