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Dringend gesucht: Neue Antibiotika

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Antibiotikaresistenzen greifen immer mehr um sich. Ein Todesfall in den USA hat die Szene aufgerüttelt. Der Bedarf an neuen Wirkstoffen ist groß.

Weltweit  steht der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen ganz oben auf der politischen Agenda. Zuletzt hatte der Todesfall einer älteren Patientin in den USA für Aufsehen gesorgt. Die Infektion der Rentnerin konnte mit keinem der 26 zugelassenen Antibtiotika wirksam behandelt werden, musste das US-Seuchenabwehrzentrum CDC Mitte Januar berichten. Bei ihr sei ein multiresistenter Klebsiella-Pneumoniae-Keim gefunden worden. Fälle wie diese zeigen: Antibiotikaresistenz ist ein wachsendes Problem. Eine der Ursachen liegt auch beim Antibiotika-Einsatz bei Tieren.           

EFSA und EMA bestätigen: Patentlösung gibt es nicht

Sachverständige der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) haben nun eine Analyse veröffentlicht,  wie sich deren Einsatz auf ein Minimum beschränken lassen. Dafür haben sie alle Maßnahmen untersucht, die in der Europäischen Union (EU) aktuell unternommen werden. Erstmals wird dabei von offizieller Stelle bestätigt: Eine Patentlösung gibt es nicht. Erfolgreich seien Strategien immer dann, heißt es, wenn sie einen integrierten, mehrdimensionalen Ansatz verfolgen, der auch lokale Tierhaltungssysteme berücksichtigt und alle Akteure mit einbezieht – von den Regierungen bis hin zu den Landwirten. „Es gibt nur wenige neue Antibiotika, die sich in Entwicklung befinden, weshalb jene, die uns zur Verfügung stehen, verantwortungsvoll eingesetzt werden müssen – bei Menschen und bei Tieren. Die Erhebung von Daten zu Antibiotikaresistenzen und dem Einsatz von Antibiotika ist grundlegend, um wirksame Maßnahmen zur Resistenzbekämpfung zu ergreifen und die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten“, betonte Guido Rasi, Geschäftsführender Direktor der EMA.          

Mittelstand füllt die Pipeline auf

In diesem Zusammenhang betonen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ihre wichtige Rolle bei der Erforschung und Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe. „KMUs sind ein zentraler Treiber, wenn es darum geht, die Pipeline mit neuen Wirkstoffen und Technologien aufzufüllen und hier frühe Forschung und klinische Entwicklung zu ermöglichen“, sagt Marc Gitzinger, Geschäftsführer von BioVersys. Der Schweizer Antibiotika-Entwickler gehört zu den rund 50 KMU in der BEAM-Alliance ­– einem europäischen Konsortium von forschenden Antibiotika-Entwicklern aus dem Mittelstand. „Alle Antibiotika, die in den letzten Jahrzehnten in die späte klinische Phase gekommen sind, waren an irgendeinem Punkt ihrer Entwicklung in der Hand von KMU“, betont er. Bei BioVersys bewegt er sich aktuell noch im präklinischen Bereich und fokussiert auf sogenannte Transcriptional Repressor Inhibiting Compounds (TRIC). Mit der Technologie lässt sich die Wirkung bestehender Antibiotika verbessern, BioVersys will hier vor allem die Behandlung von mulitresistenter Tuberkulose verbessern.                   

Konferenz zu neuen Antibiotika-Therapien in Berlin

Gitzinger ist auch einer von 30 Sprechern aus ganz Europa, der bei der Berlin Conference on Novel Antimicrobials am 24. Februar 2017 über aktuelle Herausforderungen im Antibiotika-Markt diskutieren wird. Die BEAM Alliance ist einer der Partner der Veranstaltung, die gemeinsam von der BIOCOM AG und dem britischen Department for International Trade in der britischen Botschaft in Berlin organisiert wird. Mehr als 15 KMU werden ihre Technologien und Wirkstoffkandidaten präsentieren – ein Zeichen dafür, dass es nicht an neuen Ideen für neue Antibiotika mangelt.

BEAM Alliance fordert mehr KMU-Unterstützung

Dennoch gibt es aus Sicht der BEAM Alliance noch viel zu tun. Vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für kleine Firmen seien kaum vorhersehbar und verlässlich. „Das Management bakterieller Infektionen basiert derzeit auf dem Einsatz von günstigen Generika, empirischen Versuchen und ist vor allem durch individuelle Kosten-Nutzen-Erwägungen getrieben. Ein verantwortungsvoller und standardisierter Umgang steckt vielfach noch in den Kinderschuhen“, so Gitzinger. Begleitend zur Berlin Conference wird die BEAM Alliance Empfehlungen veröffentlichen, wie Forschung und Entwicklung von KMU besser unterstützt werden könnten. Gefordert werden unter anderem nicht nur maßgeschneiderte regulatorische Beratungen für angepasste klinische Studien, sondern auch GAIN-Act-ähnliche Labels, die das Erstattungsmodell an den realen gesellschaftlichen Mehrwert von neuen Wirkstoffen anpassen.

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