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Glyphosat-Streit lebt auf

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Ein Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur ECHA macht den Weg frei für die EU-Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat.

Das in Helsinki vorgestellte Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur ECHA bestätigt die Einschätzungen des EU-Amtes für Lebensmittelsicherheit EFSA, des Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Internationalen Lebensmittelagentur FAO und des in Sachen EU-Gutachten federführenden Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Die Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte vor zwei Jahren Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Diese Bewertung wird durch das neue Gutachten entkräftet.

Zusammengefasst sagt es, dass die wissenschaftliche Grundlage für eine Einstufung des Unkrautvernichters als krebserregend nicht ausreiche, weil nur bei Mäusen die Krebswahrscheinlichkeit leicht zunehme, wenn eine extrem hohe Dosis verabreicht werde. Diese läge weit über der Humanexposition über die Nahrung. Ebenso reiche die wissenschaftliche Evidenz nicht aus, um reproduktionsschädigende oder fruchtschädigende Wirkungen des Totalherbizids nachzuweisen. Bestätigt wurde dagegen die schwer augenschädigende und somit toxische Wirkung für Wasserorganismen. Die Faktenbasis für das Gutachten lieferte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), die sich hinsichtlich des Krebsrisikos ausdrücklich auf die frühere Risikoeinschätzung des BfR beruft.

Das Ergebnis des ECHA-Gutachtens soll der Europäischen Kommission als Basis für die Verlängerung der Ende 2017 auslaufenden EU-Zulassung des weltweit meistverwendeten Totalherbizids dienen. Diese hatte die Kommission bereits im vergangenen Sommer in Eigenregie bis Ende 2017 verlängert, nachdem drei Versuche im EU-Ministerrat gescheitert waren, sich über die Zulassung für weitere zehn Jahre zu einigen. Deutschland hatte sich wegen des Streits in der Regierungskoalition stets enthalten. Mit der Entscheidung flammt die Auseinandersetzung von Agrar- und Umweltlobbyisten um Glyphosat erneut auf. Denn das Totalherbizid wird weltweit seit Jahren in Kombination mit gentechnisch veränderten, herbizidtoleranten Pflanzen eingesetzt. Umweltverbände gaben sich kämpferisch: Das Gutachten sei „kein Freibrief für eine erneute Zulassung“, sagte Heike Moldenhauer vom BUND. Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sagte, die Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs seien dafür zu stark. Die ECHA-Einstufung sei unverständlich für alle, die besseren Schutz vor unverantwortlichen und unnötigen Risiken fordern. Den kommissarischen Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes Agrar e. V. (IVA), Dietrich Pradt freut dagegen die Entscheidung: „Die ECHA bestätigt, was Zulassungsbehörden in aller Welt immer wieder festgestellt haben: Glyphosat ist nicht krebserregend. Jetzt ist es an der Europäischen Kommission, die mehrfach verschobene Wirkstoffgenehmigung von Glyphosat zu erteilen. Auch von der Bundesregierung darf man erwarten, dass sie sich für ein zügiges Verfahren in Brüssel einsetzt. Es geht auch um Deutschlands Glaubwürdigkeit in Europa. Vor allem aber geht es darum, Europas Landwirten weiter den Einsatz dieses wichtigen Herbizid-Wirkstoffs zu ermöglichen."

Für Landwirte ist das Herbizid inzwischen aber immer weniger von Interesse. Nachdem erste glyphosatresistente Unkräuter aufgrund des extensiven Einsatzes des Herbizids Anfang 2000 in den USA gesichtet wurden, haben sich diese inzwischen auf einer Fläche von mehr als dreißig Millionen Hektar ausgebreitet. Da die Kombination des Herbizids mit gentechnisch veränderten Pflanzen so effektiv wirkte, wurden Unkräuter über Jahre nur mit Glyphosat bekämpft – Voraussetzung für die heutige Resistenz persistenter Unkräuter wie Amaranthus palmeri oder Amaranthus tuberculatus (waterhemp), die einen weiteren Glyphosat-Einsatz ad absurdum führt.

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