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Gröhe, CRISPR, Karibu

BIO Deutschland

Gesundheitsminister Hermann Gröhe bekennt sich bei den Deutschen Biotechnologietagen 2017 als Fan der Biotechnologie. Sonst waren in Hannover wieder viele bekannte Gesichter anzutreffen.

„Wie können wir in Deutschland eine Gründungskultur schaffen?“ fragte Bundesgesundheitsminister in seiner Ansprache auf den Biotechnologietagen 2017 Anfang April in Hannover. Nach mehreren Anläufen in den Vorjahren hatte es der Politiker endlich zu dem Branchentreffen geschafft und lobte in seiner Rede die Arbeit der deutschen Biotechnologie-Forschung und -industrie. Mit der ausbaufähigen Gründungskultur sprach er ein altbekanntes Problem an, dessen Dringlichkeit auch in Hannover deutlich wurde: Dass Biotechnologie hip ist und junge Menschen inspiriert, wurde im Convention Center der Messe Hannover nicht deutlich. Unter den 800 Teilnehmern dürften kaum mehr als 50 unter 35 Jahren gewesen sein. Auch die Verleihung des Innovationspreises des Arbeitskreises der Bioregionen durch die Veranstalter BIO Deutschland (Branchenverband Deutschland) und BioRegioN (Branchenverband Niedersachsen) wurde routiniert durchgezogen: Musik, Videoeinspieler oder geschliffene Reden? Fehlanzeige! Die drei ausgezeichneten Erfindungen überzeugten hingegen vollends. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wollen weiß leuchtende Bio-LEDs preiswert und umweltfreundlich in Serie herstellen, Forscher der Universität Tübingen wollen mit neuen Medikamenten der seltenen erblichen Netzhautdegeneration den Kampf ansagen (Start-up Mireca Medicines) und ein Team des Heinrich-Pette-Instituts Hamburg arbeitet an der Heilung von HIV-Betroffenen, denen die Virus-DNA vollständig aus den infizierten Immunzellen entfernt werden soll (Projekt Provirex).

Deutsche Start-ups für belgischen Inkubator
Dank Sponsor Johnson & Johnson (J&J) fiel der Start-up-Wettbewerb der Biotechnologietage zumindest farblich etwas frischer aus. Beim Wettstreit der besten Ideen obsiegten Cardior und Genome Biologics. Das Unternehmen Cardior (Hannover) entwickelt eine neue Technologie zur Behandlung und Prävention von Herzkrankheiten. Genome Biologics aus Frankfurt am Main kombiniert künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen mit Big Data, Genomforschung und Molekularwissenschaften und möchte so die Medikamentenentwicklung für seltene Krankheiten beschleunigen. Als Gewinn sicherten sich die beiden Unternehmen jeweils einen Platz im J&J-Inkubator JLINX in Beerse (Belgien) sowie ein Mentoring durch Experten von J&J Innovation. Die Beschleuniger- und Inkubator-Modelle des Konzerns JLINX, JLABS und J&J Innovation Center befinden sich unter anderem in Boston und Menlo Park (USA), London (UK), Shanghai (China) und Beerse (Belgien). Durch JLINX bekommen Cardior und Genome Biologics Zugang zu modernen Einrichtungen, Labor- und Büroräumen sowie zu Risikokapital.

Keynotes von Novak und Schacht
Mit Rodger Novak konnten die Veranstalter einen der aktuell wohl gefragtesten Biotech-CEOs weltweit nach Hannover lotsen. Der Chef von CRISPR Therapeutics wies in seinem Eröffnungsvortrag auf die Bedeutung der Lipidnanopartikel als wichtige Transportvehikel für Genomeditierungssysteme hin. Mehrfach sprach Novak von der „revolutionären“ und „umgestaltenden“ Wirkung die CRISPR/Cas9 und andere Genscheren auf Branche und Gesellschaft haben werden. Davon überzeugen konnte er das Gros der Zuhörer mit seinem sehr fachlichen Vortrag indes wohl nicht. Inspiration und Motivation für junge Unternehmer dürfte der Eröffnungsvortrag von Oliver Schacht gewesen sein. „Wir müssen in Deutschland in anderen Größenordnungen denken. Klotzen und nicht kleckern ist das Motto“, forderte der Vorstandsvorsitzende des Diagnostika-Entwicklers Curetis AG. Die Politik dürfe Mut zeigen und bei den Fördersummen „gern auch einmal eine Null dranhängen“. Dass sich das lohne, zeige die Bruttowertschöpfung von Curetis, die zu 95% in Deutschland erwirtschaftet wird. Zwar mag der Umsatz noch niedrig sein, doch er wächst beständig. In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 erzielte Curetis einen Umsatz von etwas mehr als 1 Mio. Euro. Im Gesamtjahr 2016 wies Curetis im Jahresbericht schon 2,1 Mio. Euro aus.

Den Abendempfang im Zoo Hannover fanden die meisten Teilnehmern gelungen. Nach einer frostigen Showstunde im Yukonareal mit Karibus, Kegelrobben und Weißkopfseeadler ging es zum Aufwärmen in den Prunksaal des Maharadschas, wo bis Mitternacht fleißig Netzwerke geknüpft wurden.

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