Kommentar
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Bei Deep Tech eher seicht

Börsenkommentar von Martin Laqua (Redakteur, |transkript)

Der Wagniskapitalgeber Creathor Ventures analysierte kürzlich Europas Chancen, bei der nächsten Welle neuer Spitzentechnologieunternehmen mitzumischen.

Jetzt, wo es nicht mehr nur um reine Softwareplattformen gehe, sondern um die Verzahnung mit Produktionsprozessen, könne gegenüber der nordamerikanischen Konkurrenz vielleicht etwas an Boden gewonnen werden. Die Studie schaute sich die Finanzierungen in sogenannte Deep-Tech-Unternehmen an, also Start-ups mit Fokus auf autonomes Fahren, Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) oder auch Robotik. Das positive Fazit: In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Zahl der Deep-Tech-Investitionen in Europa fast verdreifacht, das investierte Kapital verachtfacht. Doch die Ausgangsfrage kann die Analyse nicht beantworten, da internationale Zahlen zum Vergleich nicht herangezogen wurden.

Allein ein Blick auf einige Finanzierungsrunden deutet darauf hin, dass anderswo größere Brötchen gebacken werden – insbesondere im Bereich Life Sciences: Vor wenigen Tagen schraubte Grail (USA – KI, Diagnostik) die Summe an eingesammeltem Wagniskapital um 300 Mio. US-Dollar (Serie C) auf mehr als 1,5 Mrd. US-Dollar. Tempus (USA – Big Data) stemmte eine 80 Mio. US-Dollar-Runde (Serie D) und Freenome (USA - KI, Diagnostik) eine Serie A-Finanzierung über 72 Mio. US-Dollar. Was in China geht, davon überzeugte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Mai bei einem Besuch der chinesischen Firma Icarbonx (Smartphone-Arzt, KI). Deren letzte Wagniskapitalrunde:  164 Mio. US-Dollar (2016, Serie A).

Und was tut sich im |transkript-Verbreitungsgebiet? Aus Wagniskapitalsicht nicht viel. Die aus dem Hopp‘schen Vermögen finanzierte Molecular Health werkelt vor sich hin. Ein kleiner Lichtblick ist Sophia Genetics (KI, Krebsdiagnostik) in der Schweiz, der zuletzt eine 30 Mio.-Dollar-Serie-D-Runde gelang. Angesichts des mulmigen Gefühls eines fortwährenden Stillstands kann man der Roche AG für ihren Mut kaum genug Respekt zollen. Der Pharmakonzern besorgte sich die nötige Big Data-Expertise kurzerhand in den USA. Nach Zahlung von 1,9 Mrd. US-Dollar Anfang des Jahres gehört Flatiron Health seit kurzem zum Baseler Krebsspezialisten.

Erschienen in |transkript 6/18.