Kommentar
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China: Absatzmarkt und Konkurrent

Börsen-Kommentar von Dr. Michael Nawrath, Leiter Fundamental Analysis Pharma / Biotech, Zürcher Kantonalbank.

China wird schon eine ganze Weile von der westlichen Pharmaindustrie nicht etwa vernachlässigt. Um am Wachstum in dem 2030 wohl zur weltweit größten Volkswirtschaft aufgestiegenen Land, dann vor den USA, teilzuhaben, bauen die einzelnen Pharmagesellschaften ihre Präsenz vor Ort aus.

Die Bedeutung Chinas als Absatzmarkt macht ein Blick auf die Geschäftszahlen des ersten Quartals 2019 deutlich: Die beiden Schweizer Riesen Roche und Novartis mit je 80% Umsatzanteil durch Pharma sind in China gut vertreten. Roche macht 15% in den internationalen Märkten (Umsätze global, außer Europa und Nordamerika), wobei China mit +17% der klare Wachstumstreiber ist. Novartis setzt in Asien, Afrika und Australasien 23% um. Auch hier wächst das Chinageschäft doppelstellig. Die mit 100% komplett auf Pharmazeutika fokussierte Firma AstraZeneca ist seit jeher am stärksten in China vertreten. Allein dort werden 23% des Umsatzes bei einem Wachstum von 28% umgesetzt, was AstraZeneca dadurch erreicht, dass das Unternehmen sich nicht nur um die bevölkerungsreichen Küstenregionen mit den Mega-Städten Peking und Shanghai kümmert. Es hat darüber hinaus Vertretungen bis weit ins Landesinnere aufgebaut, dort wo die Bevölkerung ohne Ein-Kind-Politik am stärksten (>20%) wächst.

China ist aber auch ein ernstzunehmender Konkurrent geworden. Die Zeiten des Kopierens sind vorbei. Präsident Xi Jinping weiß, dass er für die uneingeschränkte Gefolgschaft seines Volkes bei seiner globalen Expansionsstrategie den „Weststandard“ bieten muss – und das wichtigste Gebiet ist neben Infrastruktur und Mobilität eben auch ein Gesundheitssystem, das sich nicht nur reiche Chinesen leisten können. Mit der ‚Neuen Seidenstraße‘ will China  die Absatzmärkte der Zukunft an sich binden. Bei der E-Mobilität dürfte China 2030 schon der globale Leader sein. Und wenn man den im November 2018 bekanntgewordenen weltweit ersten Eingriff in die Keimbahn von Embryonen, der zu einer Geburt von Babys geführt haben soll, als Paradebeispiel nimmt, dann ist vorstellbar, dass aus China noch viele andere medizinische Innovationen kommen werden. Die leicht arrogante westliche Attitüde, China nichts zuzutrauen, muss aufhören. Ab 2030 müssen Europa und die USA neben E-Autos wahrscheinlich auch innovative Medikamente aus China importieren.

Erschienen in |transkript 02/2019