Kommentar
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Die Pandemie-Börse

Börsenkommentar von Daniel Wendorff, Analyst, Commerzbank AG, Frankfurt am Main

Die Corona-Pandemie hat zu einigen Veränderungen bei der Performance der unterschiedlichen Geschäftsmodelle geführt.

Die Corona-Pandemie hat aus unserer Sicht zu einigen Veränderungen bei der Performance der unterschiedlichen Geschäftsmodelle geführt.

Aufgrund der Lockdowns und der Kapazitätsbelastungen bei den Hospitälern kam es zu Verschiebungen von Arztbesuchen und von elektiven Eingriffen. Universitäre Einrichtungen und F&E-Zentren der biopharmazeutischen Industrie wurden temporär geschlossen oder nur mit geringerer Mannschaft betrieben. Oft wurden auch klinische Studien temporär ausgesetzt. Das alles hat negative Auswirkungen auf die unterschiedlichen Segmente der Healthcare-Industrie gehabt, wie zum Beispiel auf die Biotechnologie, auf die pharmazeutische Industrie, auf die Medizintechnik und auch auf die Laborzulieferer-Industrie. Es hat aber auch einige Bereiche gegeben, die während der Pandemie profitiert haben.

So hat die sich ausweitende globale Testkapazität für den PCR-Test, der auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 anspricht, zu einer Sonderkonjunktur bei den Firmen geführt, die dafür die nötigen Verbrauchsmaterialien und Automationslösungen liefern. So hat beispielsweise Qiagen die Guidance angehoben und erwartet beim Umsatz jetzt ein Plus von 15-18% ohne Währungseffekte für das Jahr 2020. Die ursprüngliche Prognose vom Februar lag bei 3–4% Umsatzwachstum ohne Währungseffekte. Die negativen Effekte der Corona-Pandemie konnten durch zusätzliche Umsätze im Zusammenhang mit den Tests auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus überkompensiert werden. Letztendlich hat diese Sonderkonjunktur aus unserer Sicht auch dazu beigetragen, dass die Übernahme durch Thermo Fisher fehlgeschlagen ist.

Es gibt auch andere Segmente, die besonders von der Pandemie profitieren. Die weltweiten Anstrengungen, ein Medikament gegen das neuartige Virus zu finden, und auch der starke Fokus auf die Entwicklung eines Impfstoffs haben insbesondere Aufträge und Umsätze von Zulieferern für die biopharmazeutische Produktion in die Höhe schießen lassen.

Bei der Göttinger Sartorius AG hat dieser Anstieg der weltweiten Nachfrage zu einem Zuwachs im Auftragsbuch von fast 34% ohne Währungseffekte in dem relevanten Segment Bioprocess Solutions im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr geführt. Der Umsatzanstieg in diesem Zeitraum lag bei ca. 21%. Die Guidance für das Gesamtjahr ist sogar um neun Prozentpunkte auf +26-30% angehoben worden. Den Trend der stärkeren Nachfrage in diesem Bereich sehen wir auch im Process-Solutions-Geschäft der Merck KGaA.

Insgesamt ergibt sich also ein gemischtes Bild, wie die unterschiedlichen Subsegmente im Healthcare-Bereich durch die Pandemie kommen. Während wir mit einer graduellen Normalisierung der Situation bei klinischen Studien, bei Arztbesuchen und auch bei der Durchführung elektiver Operationen rechnen, erwarten wir zum Beispiel bei den Zulieferern für die Entwicklung und für die Produktion von möglichen Medikamenten und Impfstoffen gegen COVID-19 nach wie vor eine Sonderkonjunktur.

Börsenkommentar aus |transkript 3/2020