Kommentar
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Ein Leuchtturm-IPO als Branchenretter?

Börsenkommentar von Dr. Marcus Wieprecht, Managing Director Equity Research Biotech/Healthcare, MainFirst Bank AG

Das Jahr 2018 war für die Biotech-Industrie eines der erfolgreichsten Jahre aller Zeiten, zumindest mit Blick auf den US-Markt: fast 60 Biotech-IPOs, über 6 Mrd. US-Dollar eingesammeltes frisches Kapital und ein Nasdaq-Biotech-Index in Nähe des Allzeithochs.

Eine generelle Marktkorrektur im vierten Quartal hat Investoren nur kurzfristig verunsichert. Milliardenschwere Übernahmen gleich zu Jahresbeginn (Bristol-Myers Squibb kauft Celgene und Eli Lilly Loxo Oncology) haben die Optimisten wieder auf den Plan gerufen. Große Wettbewerber wie Pfizer, Merck & Co und Abb­vie könnten auf das M&A-Karussell aufspringen, sitzen diese auch dank der US-Steuerreform ebenfalls auf großen Barreserven. Bleibt die immer wiederkehrende Frage nach den ausbleibenden Biotech-Börsengängen in der DACH-Region. Ende 2018 hat die Wiener Marinomed den geplanten IPO an der Wiener Börse mangels Investoreninteresse zunächst einmal abgesagt – wie auch kurz zuvor das ebenfalls österreichische Unternehmen Themis Bioscience an der Euronext in Amsterdam. Da kommt es wenig überraschend, dass die Martinsrieder Immunic AG den Sprung an die Nasdaq plant – und zwar über eine Fusion mit einer dort notierten US-Firma. Nur eine Handvoll kleinerer Biotech-Firmen hat 2018 den Gang an eine europäische Börse gewagt, zwei davon an die Mehrländerbörse Euronext. Kapitalsuchende europäische Biotech-Unternehmen zieht es immer noch eher an die Nasdaq (IPO oder Zweitlisting). Mögliche Gründe hierfür sind vielfältig. Eines sind vermutlich zu wenige institutionelle Investoren in Europa, die in medizinische Biotechnologie investieren. Dies erschwert erforderliche Finanzierungen sowohl vor, aber auch nach einem IPO. Womöglich gab es in der Vergangenheit auch zu viele Negativbeispiele von Biotech-Börsengängen, die letztlich die Erwartungen hiesiger Investoren nicht erfüllt haben. Wünschenswert wäre ein erfolgreicher „Leuchtturm“-IPO hierzulande. Mögliche Kandidaten dafür wären Biontech oder Curevac. Ein weiterer Grund für die IPO-Dürre: Es gibt kaum noch qualifizierte und erfahrene Biotech-Analysten in deutschen Banken. Ohne Analysten keine Investoren und keine Unternehmen – das ist das klare Feedback von medizinischen Biotech-Unternehmen und Börsenbetreibern gleichermaßen. In den Ländern der Euronext-Börsen sieht es da zwar etwas besser aus, trotzdem haben US-Banken klar die Nase vorn.

Erschienen in |transkript 01/2019