Kommentar
Peter Thilo Hasler, Finanzanalyst bei Sphene Capital GmbH; © Sphene Capital GmbH

Fundamentale Zeitenwende

Börsenkommentar von Peter Thilo Hasler, Finanzanalyst bei Sphene Capital GmbH

Seit seinem Allzeithöchststand von fast 13.000 Punkten im Februar letzten Jahres hat sich der S&P Biotechnologie-Index mehr als halbiert.

Rezessionsängste als ursächlich für die schwache Kursentwicklung heranzuziehen, greift dabei zu kurz, denn in der Vergangenheit haben sich Biotechnologiewerte im Vergleich zu anderen Wachstumsunternehmen in Zeiten mäßigen bis negativen Wirtschaftswachstums meist sogar recht gut behauptet. Schließlich lässt der Bedarf an Gesundheitsfürsorge, Medikamenten und wissenschaftlichem Fortschritt nicht deshalb nach, weil es der Wirtschaft gerade schlechter geht.

Ungeachtet dessen gibt es auch in dieser Rezession besondere Herausforderungen für die Branche. Denn eine zweistellige ­Inflationsrate belastet die Ertragslage nicht nur der defizitären Biotech-Unternehmen. Was als Grundregel des Wirtschaftens erscheinen mag, ist aber bislang in den Ertragsprognosen der meisten Biotech-Analysten nicht sichtbar. Darüber hinaus sind in den vergangenen Monaten zwei wichtige Finanzierungsquellen der Branche – M&A-Aktivitäten und Börsengänge – fast vollständig zum Erliegen gekommen. Weil aber gerade Biotech-Unternehmen in ihrer pre-revenue-F&E-Phase quasi permanent auf Kapital­suche sind, müssen sie, wenn frische Liquidität nicht mehr in gewohntem Maße zur Verfügung steht, auf Alternativen in der Geschäftsausrichtung und Lizenzierung zurückgreifen.

Nun scheint – nicht zuletzt aufgrund der Überfüllung der Pipeline in bestimmten Indikationen – eine Fokus­sierung auf eine geringere Anzahl von Entwicklungsprogrammen mit höherer Priorität in Mode zu kommen. Dies dürfte aber auch darauf ­zurückzuführen sein, dass die Unternehmen nicht nur in Deutschland immer größere Schwierig­keiten haben, angesichts des Wettbewerbs und der hohen Lebens­haltungskosten in den großen Biotech-Clustern Spitzenkräfte zu rekrutieren. Kleineren Unternehmen ohne Anschlussfinanzierungen oder Zugang zu öffentlichem Beteiligungskapital bleibt als Alternative neben strukturierten Finanzierungen durch Private-Equity-Anbieter die Monetarisierung von Lizenzgebühren, zum Beispiel in der mittleren Phase der Pipeline. Von der Aufnahme von Fremdkapital etwa in Form von Private Debt – ein weiterer aktueller Trend in den USA – sollten defizitäre Biotech-Unternehmen dagegen absehen, da sich hier ein unbedingter Kostenblock ausbildet, für dessen Tilgung im Zweifelsfall essentielle ­Forschungsprojekte verkauft werden müssen.

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