Kommentar
Dr. Marcus Wieprecht ist Managing Director der Mainfirst Bank AG.

Goldgräberstimmung

Börsenkommentar von Dr. Marcus Wieprecht (Managing Director, Mainfirst Bank)

Investoren sehen die Wachstumsaussichten von Big Pharma zunehmend skeptisch (öffentliche Kritik an hohen Medikamentenpreisen, Konkurrenzdruck durch Generika).

Für Biopharmazeutika gilt dies indes nicht, glaubt man dem Marktforscher Evaluate Pharma. Dieser sagt für sie ein globales Marktwachstum von jährlich knapp 9% bis 2022 voraus. Hauptgrund ist die Vielzahl neuer biologisch hergestellter Medikamente, die aus der aktuell prallen Entwicklungs­pipeline der Pharmaindustrie mit insgesamt 12.000 Produkten kommen werden. Hinzu kommt das erwartete starke Wachstum von Biosimilars (jährlich 33% bis 2022). Neue Technologien wie Zelltherapien sorgen für zusätzliches Wachstum. Kurzum, im Biopharmazeutika-Markt herrscht derzeit so etwas wie eine Goldgräberstimmung. Doch wie können Investoren davon profitieren? Man kann auf einzelne Wirkstoff­entwickler setzen, jedoch erscheint das Risiko recht hoch. Schon beim Goldrausch 1848 in Kalifornien waren die Schaufelhersteller die eigentlichen Gewinner. Übertragen auf den Biotech-Sektor führt der Biopharmazeutika-Boom zu einer massiven Ausweitung der Produktionskapazität bei Pharmakonzernen, aber auch bei Auftragsherstellern wie Lonza (>50% bis 2021). Biopharmazeutika werden derzeit hauptsächlich in Stahltanks produziert, allerdings sind Einwegtechnologien auf dem Vormarsch. Wir erwarten ein Wachstum dieses Zuliefermarktes von jährlich 12% bis 2022. Nach einer Konsolidierungswelle in den Jahren 2014/15 (Thermo Fisher kaufte Life Technologies, die Merck KGaA Sigma Aldrich und Danaher Pall) wird der Markt für Einweg-Produktionssysteme von fünf Unternehmen dominiert, zwei davon finden sich in Deutschland: Merck und Sartorius. Die Merck KGaA ist der zweitgrößte Player (nach General Electric), gefolgt von Sartorius, Thermo Fisher und Danaher. Sartorius ist jedoch das einzige „pure-play“-Unternehmen, da mehr als 70% des Umsatzes mit Einweg-Produktionssystemen erzielt werden. Bei Merck sind das nur rund 16% des Umsatzes, bei GE, Thermo Fisher und Danaher noch deutlich weniger. Obwohl Sartorius und Merck schon gut aufgestellt sind, deckt noch keine der fünf Firmen mit ihrem Angebot alle Bereiche von Filtration und Flüssigkeitsmanagement über Fermentation bis hin zu Aufreinigung und Zellkulturmedien komplett ab. Während Sartorius über Kooperationen schon nah am Ziel eines „one-stop-shop“ für Einweg-Produktionssysteme ist, versucht Merck es allein zu verwirklichen. Eins scheint aber klar: Komplettanbieter werden überproportional vom Goldrausch profitieren.

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