Kommentar
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Meme Biotech?

Börsenkommentar von Chandra P. Leo, HBM Partners Zug

Sogenannte Memes sind lustige Bilder oder Videos, die rasend schnell per Handy oder Computer verbreitet werden und beim Empfänger im besten Fall ein kurzes Lächeln bewirken. "Meme Stocks" sind hingegen ein neues Phänomen an den Finanzmärkten

Das bisher wohl bekannteste Beispiel ist GameStop, eine geschäftlich eher schwächelnde Kette von Videospiel-Läden. Im Januar 2021 stieg der Kurs von GameStop binnen zwei Wochen vorübergehend um mehr als das 15-Fache, nachdem Kleinanleger aus der Online-Community "Reddit" die Aktie massenhaft gekauft und so einen sogenannten «Short Squeeze» verursacht hatten. Seither haben eine Reihe anderer "Meme Stocks" aus verschiedenen Branchen für Schlagzeilen – und Kopfschütteln bei professionellen Investoren – gesorgt.


Der Hintergrund dieses Phänomens ist ein verändertes Verhalten bestimmter Privatanleger. So hofft eine zunehmende Zahl jüngerer Investoren, mit Einzeltiteln, Aktienoptionen und Kryptowährungen schnelles Geld zu machen. Mehr als zehn Millionen von ihnen nutzen etwa das Internetforum "WallStreetBets", wo sie in (vorsichtig gesagt) informeller Sprache die neuesten Börsentipps austauschen. Für die Abwicklung ihrer Trades nutzen sie oft Smartphone-Apps, die – gebührenfrei, spielerisch leicht zu bedienen und ständig verfügbar – zu einem riskanten Anlageverhalten beitragen können. Davon ist mittlerweile auch die Biotechnologie-Branche betroffen: Während ich diesen Artikel verfasse, finden sich unter den 100 meistdiskutierten Aktien auf "WallStreetBets" immerhin 15 Biotech-Titel. Und auf "Stocktwits", dem nach eigenen Angaben größten sozialen Netzwerk für Investoren und Trader, gehört zu den zehn meistdiskutierten Themen neben sechs Kryptowährungen auch ein Impfstoffentwickler.


Am 10. Juni 2021 sorgten zwei dänische Biotech-Firmen für Aufsehen: Ihr Nasdaq-Handelsvolumen stieg über Nacht um mehr als das Zehnfache, offenbar getrieben von Kleinanlegern, und ihre Kurse vervielfachten sich binnen Stunden, nur um kurz darauf wieder rapide zu fallen. Die beiden Aktien verzeichneten für diesen Tag die höchsten Zugewinne unter allen an US-Börsen gelisteten Firmen, der Handel mit ihnen musste mehrfach ausgesetzt werden. Selbst gut informierte Kreise waren weitgehend ratlos, vermuten aber, dass diese Aktien kurzfristig Meme-Status erlangt hatten.


Bislang sind solche Exzesse in der Biotech-Branche nur Einzelfälle. Doch der Zulauf zu Online-Foren, in denen sich kurzfristig orientierte Privatanleger austauschen, hält an. Dies kann zu Risiken für die jeweiligen Investoren und einer erhöhten Volatilität der betroffenen Aktien führen. Wer in diesem Zusammenhang von einer «Demokratisierung der Finanzmärkte» spricht, sollte Folgendes bedenken: Demokratien funktionieren dann am besten, wenn die Beteiligten gut informiert, verantwortungsvoll und mit langfristiger Perspektive handeln.

Börsenkommentar aus |transkript 3/2021