Kommentar
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Offenes Rennen

Börsenkommentar von Martin Schnee, Analyst, Alphavalue SA

SARS-CoV-2, Corona und mögliche (Spät-)Folgen haben nun alle Bereiche infiziert. Neben der medikamentösen Behandlung wurde von Beginn an auf Impfstoffe gesetzt, um der Gesellschaft ein, wie auch immer definiertes, normales Leben zu ermöglichen. Und der Wirtschaft.

Zwischenzeitlich werden das Virus und die Krankheitsverläufe immer besser verstanden, doch scheint das neue Coronavirus auch Nicht-Atemwegs-Organe zu befallen, mit bislang nichteinschätzbaren Konsequenzen.

Ein Impfstoff „trainiert“ das Immunsystem und versetzt so den (menschlichen) Körper in die Lage, spezifisch auf ein Pathogen (z. B. Virus) mittels Immunantwort zu reagieren. Unter der Herausforderung, in kurzer Zeit einen wirksamen und sicheren Impfstoff zu entwickeln, haben sich bislang wenige etablierte Verfahren auf Nukleinsäure-Basis als besonders interessant und schnell für diesen Zweck herauskristallisiert. Dies zeigt sich am Stand der klinischen Entwicklung. Basierend auf der bahnbrechenden Idee, mRNA-basierte Impfstoffe zu entwickeln (Initial: Curevac), befindet sich die Mainzer Biontech, als zweites Unternehmen nach AstraZeneca, seit Anfang Oktober im europäischen Zulassungsverfahren. Das US-Biotech-Unternehmen Moderna dürfte bald mit der Einreichung bei der FDA folgen. Die Tübinger Curevac konnte im Spätsommer einen Knaller-Börsengang (beinahe Verdopplung des Ausgabekurses am ersten Handelstag) aufs Parkett legen, aber auch die Bewertung von Biontech hat sich seit dem Börsengang im Oktober 2019 mit einer Vervierfachung sehr gut entwickelt. So ist eine Art mRNA-Triumvirat an der US-Börse Nasdaq gelistet, jedoch zu deutlich unterschiedlichen Bewertungen (Moderna > Biontech >> Curevac). Es mag scheinen, als wäre das Rennen um die Zulassung für die anderen Firmen (z.B. Curevac, Novavax) gelaufen, doch sind die Effektivität und Dauer der Impfung bislang ungeklärt. Impfstoffe der zweiten Generation haben durchaus Marktchancen.

Der Startschuss für die Post-Corona-Zeit fällt erst nach der Zulassung einer Handvoll von Impfstoffen. Diese müssen in ausreichenden Dosen hergestellt, steril abgefüllt, gekühlt gelagert und transportiert werden. Auftragsfertiger haben bereits im Vorfeld der Zulassung mit der Produktion begonnen und zusätzliche Kapazitäten aufgebaut. Man geht davon aus, dass mehr als 50% der Weltbevölkerung zweimal den gleichen Impfstoff erhalten müssen. Curevac konnte durch den Besuch von Elon Musk (Tesla) die Aufmerksamkeit auf sein patentiertes Produktionsverfahren lenken. Jedoch ist es mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen nicht getan. Glasgefäße, Spritzen und Nadeln werden ebenso benötigt wie Logistiklösungen (Kühlkette). So stehen aktuell Impfstoffentwickler besonders im Rampenlicht, doch auch andere Healthcare-Unternehmen können an dieser Sonderkonjunktur partizipieren.

Erschienen in |transkript 4/2020