Kommentar
HBM Partners AG

Scharfschützen immer beliebter

Börsen-Kommentar von Dr. Chandra P. Leo, Investitionsberater, HBM Partners AG

Siebzig Jahre sind vergangen, seit das erste Chemotherapeutikum in den USA zugelassen wurde. Mechlorethamin wurde ursprünglich als Kampfstoff entwickelt und sollte als Giftgas zum Einsatz kommen.

Dem­entsprechend ist die Liste schwerer Nebenwirkungen – wie bei vielen nachfolgenden Zytostatika – lang. Heutzutage finden sich viele kleinmolekulare Wirkstoffe in den Onkologie-Pipelines der Arzneientwickler. Im Vergleich zu den Zytostatika handelt es sich bei ihnen eher um pharmakologische Scharfschützen: Im Idealfall schalten sie Krebszellen gezielt aus, verschonen aber gesundes Gewebe. Vergangenes Jahr stellten solche oral einnehmbaren „targeted therapeutics“ mehr als die Hälfte der insgesamt 18 durch die US-Behörde FDA zugelassenen neuen Krebsmedikamente. Zwei der börsengelisteten Biotech-Firmen, die hinter diesen Zulassungen standen, wurden inzwischen aufgekauft: Eli Lilly übernahm Loxo Oncology im Februar 2019 für 8 Mrd. US-Dollar, während Pfizer im Juli Array Biopharma für 11 Mrd. US-Dollar erwarb. Ein weiterer Vertreter der Präzisionsonkologie, Turning Point Therapeutics (NASDAQ:TPTX), ging im April 2019 an die Börse und konnte seinen Aktienkurs bis Ende Juli bereits mehr als verdoppeln*. Viele der zielgerichteten Arzneien richten sich gegen „Driver-Mutationen“, genetische Veränderungen, die in bestimmten Tumoren eine entscheidende Rolle spielen. Diese Tumore sprechen auf die selektive Hemmung des betroffenen Treibers (zum Beispiel EGFR, ALK oder NTRK) oft in beeindruckender Weise an. Damit wird ein Wirksamkeitsnachweis in relativ kleinen Studien möglich, bei denen zum Teil nicht einmal ein Kontrollarm erforderlich ist. Der heute von Bayer vertriebene NTRK-Inhibitor Laro­trectinib (Vitrakvi®) gelangte so in nur drei Jahren von ersten Phase II-Studien zur FDA-Zulassung. Die zugelassene Indikation bezieht sich zudem erstmals nicht auf das Ursprungsgewebe des Tumors, sondern auf die spezifische Mutation. Damit wird der Nachweis adressierbarer Mutationen bei den Krebspatienten zum Nadelöhr für den Einsatz solcher Präzisionsmedikamente. Daher werden auch Diagnostik-Firmen wie Foundation Medicine (seit 2018 Teil von Roche) und Guardant Health (NASDAQ:GH) vom Trend der „targeted therapeutics“ profitieren. Denn eines brauchen Scharfschützen auf jeden Fall: Zielfernrohre.

* Möglicher Interessenkonflikt: Die Beteiligungsgesellschaft HBM Healthcare Investments war vorbörslich bei TPTX investiert und hält weiterhin Firmenanteile.

Erschienen in |transkript 03/2019