Kommentar
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Von Auf- und Absteigern

Börsenkommentar von Thomas Schießle (Bankenunabhängiger Investmentanalyst, Geschäftsführer EQUI.TS GmbH)

Weltweit haben zuletzt milliardenschwere M&A-Aktionen für Aufsehen gesorgt.

So kaufte Sanofi den Antikörperspezialisten Ablynx und Gilead den Zelltherapie-Entwickler Kite Pharma (Wettbewerber von Bluebird und Medigene). Darauf reagierte Novartis mit dem Ausbau des eigenen Gentherapie-Geschäfts und schluckte Avexis für 8,7 Mrd. US-Dollar. Mit eben dieser „außergewöhnlichen Gelegenheit“ begründet der neue Novartis-CEO Vas Narasimhan seine offenkundige Spendabilität. Von dem Deal wird auch Stadtrivale Roche profitieren, der mit einem Anteil von 4,2% an Avexis beteiligt ist und dem somit knapp 340 Mio. US-Dollar ins Haus stehen dürften. Das Geld fließt unter anderem in die Übernahme des privaten US-Unternehmens Viewics. Mit den Analysewerkzeugen und cloudbasierten IT-Lösungen der Kalifornier will Roche in Zukunft in Labor, Fabrik und Büro bessere – weil datengestützte – Entscheidungen treffen. Klar ist, ohne Big Data wird es weder im Drug Development noch in der Diagnostik gehen. Das weiß auch der erst seit kurzem an der Börse notierte Wettbewerber Siemens Healthineers AG. Für dessen „Digital Ecosystem-Plattform“ war Viewics – zumindest in der Vergangenheit – ein Entwicklungspartner. Weniger disruptiv, aber dafür kontinuierlicher ändert sich die Landschaft in der OTC-Welt. Das liegt im Wesentlichen an den zentralen Werthebeln des Geschäftsmodells: Branding und Komplexität – ebenfalls Einsatzfelder für Big Data. Für Bayer war und ist die Sparte so wichtig, dass Ex-Konzernchef Marijn Dekkers 2014 mehr als 10 Mrd. Euro für den Kauf der rezeptfreien Medikamente des US-Konkurrenten Merck & Co. ausgab und so unter Jörg Reinhard zur globalen Nr. 2 aufstieg. Nach seinem Abgang bei Bayer machte Reinhard bei Novartis Karriere. Unter seiner Ägide entstand 2015 die neue Nr. 1 in der Industrie durch einen Tauschdeal mit GSK. Und jetzt sei der richtige Zeitpunkt, den 36,5%-Anteil für 13 Mrd. US-Dollar an den bisherigen Partner zu verkaufen, so Novartis-Chef Narasimhan. Der seit März amtierende Bayer-Healthcare-Vorstand Heiko Schipper wird aufmerksam hingeschaut haben. Gleiches gilt für den Verkauf des OTC-Geschäftsbereichs der Merck KGaA für 3,4 Mrd. Euro in bar an Procter & Gamble. Ohne Zweifel verfügt der US-Konsumgütergigant über „Branding- und Marketingpower“ in den Medien und im Regal. In Darmstadt wären höhere Einnahmen – es waren zwischenzeitlich 3,5 bis 4 Mrd. Euro im Gespräch – willkommen gewesen.

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