Kommentar
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Zurück ins Licht

Börsenkommentar von Martin Schnee, Analyst Alphavalue SA

Sie waren nie ganz weg, doch haben sich die Geschäftsmodelle der früheren reinen „Schaufelverkäufer“ seit dem Beginn des Millenniums deutlich verändert.

Zum Börsengang Mitte der 1990er hatte zum Beispiel Qiagen hauptsächlich Produkte zur Nukleinsäureaufreinigung in seinem Portfolio. Einige Übernahmen und Kapitalmaßnahmen später hat sich das Geschäftsmodell deutlich vom reinen (blaue) Schachtel-Geschäft weiterentwickelt, unter anderem durch das starke PCR-Geschäft, wodurch das Hildener Unternehmen ein wichtiger Diagnostik-Spieler in der Pandemie in Europa wurde, neben zum Beispiel Diasorin oder Biomerieux.

Die Zulassung des ersten mRNA-basierten Corona-Impfstoffes hat diese interessante Technologie in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt – und vielen in den Oberarm gedrückt. Fast so plötzlich, wie die Technologie für manche aufgetaucht ist, wurden die facettenreichen Auftragsentwickler und -fertiger (CDMO) zur tragenden Säule, da plötzlich viele Entwicklungskandidaten unterschiedlicher Technologien in klinischer Qualität hergestellt werden mussten. Exemplarisch sei die Zusammenarbeit zwischen der Schweizer Lonza und der US-amerikanischen Moderna hervorgehoben. Das Biotech-Unternehmen wollte sich frühzeitig Herstellungskapazitäten für seinen sich in der frühen Entwicklung befindenden Impfstoff sichern, während Lonza sein Technologieportfolio erweitern konnte, da die Schweizer bis dato nicht bei mRNA-Wirkstoffen in Erscheinung getreten waren.

Neben den „üblichen Verdächtigen‘ haben unter anderem auch Merck (Darmstadt) und Wacker Chemie von dem deutlichen Nachfrageschub profitiert, der sich teilweise zum Boom, auch in der Bewertung, entwickelt hat. Basierend auf dem breiten Produktportfolio, plant Merck seine Kundennähe für weiteres nachhaltiges Wachstum zu nutzen und will nun das Servicenagebot in den „New Modalities“ ausweiten, auch in frühen Entwicklungsphasen. Nach dem Motto „Das eine tun, aber das andere nicht lassen“, erfolgen Investitionen in den weiteren Ausbau der Produktionskapazitäten des etablierten Geschäfts. Die Göttinger Sartorius, bislang ein reiner Produkthersteller, stellt sich mit gesuchten Spezialitäten (+50% Umsatz) auch gegen die großen US-amerikanischen Wettbewerber wie Thermo Fisher, GE Healthcare und Danaher. Diese haben nicht nur tiefere Taschen, sondern auch ein breiteres Angebot (Patheon /Thermo Fisher). Hier reiht sich die koreanische Samsung Biologicals mit einem rd. 2 Mrd. USD-Investment ein. War’s das? Zumindest nicht für die französische Sanofi. Das Pharmaunternehmen plant den Börsengang seiner ausgegründeten Wirkstoffherstellungssparte Euroapi für Anfang 2022, was abhängig vom Börsenumfeld zu diesem Zeitpunkt sein dürfte. Mit angetrieben durch die Pandemie, der zutage getretenen Fragilität der Lieferketten und dem gestiegenen Kapazitätsbedarf wird die C(D)MO/CRO-Branche sehr hoch bewertet. Private Equity bezahlt für den CRO Parexel rund 8,5 Mrd. US-$. Wir leben in spannenden, vielleicht auch etwas verrückten Zeiten.

aus |transkript 4/2021