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Pro: Dr. Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie im VCI (Foto: DIB), Kontra: Dr. Christoph Then, Geschäftsführer Testbiotech e.V., München (Foto: Testbiotech)

Ausnahmeregelung für neue Züchtungsmethoden?

Pro: Dr. Ricardo Gent, Geschäftsführer, Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie im VCI e.V.

Endlich wagt sich ein EU-Mitglied aus der politischen Deckung. Der Vorschlag der Niederlande ist im Kern gut: Zielgerichtete Mutationen, wie sie mit Methoden des Genome Editing herbeigeführt werden können, sollen genauso behandelt werden wie spontane oder induzierte Mutationen, die durch ionisierende Strahlen oder mutagene Chemikalien ausgelöst wurden. Diese beiden Methoden sind schon lange gentechnikrechtlich reguliert.

Ganz so mutig sind die Niederlande aber doch nicht. Sie schlagen eine Anpassung im Annex der EU-Freisetzungsrichtlinie vor. Das könnte den kleinen Vorteil mit sich bringen, dass die politisch erzeugte Rechtsunsicherheit beseitigt wäre. Der Annex muss aber nicht angepasst werden, es sei denn aus politischen Gründen. Denn rechtlich liegt eine gentechnisch veränderte Pflanze dann vor, wenn ihr Erbgut so verändert wurde, wie es auf natürliche Weise nicht möglich ist. Eine Mutation, die genauso natürlich entstehen könnte, führt nicht zu einer gentechnisch veränderten Pflanze.

Der Begriff der Mutagenese ist in der EU-Richtlinie nicht auf bestimmte Methoden beschränkt. Ältere und neue Methoden der Pflanzenzüchtung, die es zum Zeitpunkt des Richtlinienerlasses noch nicht gab, können gleichermaßen von der Regelung erfasst werden – zum Beispiel TALEN oder CRISPR/Cas. Ihre zielgerichteten Punktmutationen können genauso natürlich entstehen, durch konventionelle Kreuzungszüchtung, durch mutagene Chemikalien oder ionisierende Strahlung.

Die Natur schert sich nicht darum, wie eine Mutation entsteht. Wir brauchen eine an naturwissenschaftlichen Fakten orientierte Betrachtung von Genome Editing und keine, die sich nicht um Fakten schert. Entscheidend ist, ob das Endergebnis sicher ist für Mensch, Tier und Umwelt.

Kontra: Dr. Christoph Then, Geschäftsführer, Testbiotech e.V.

Verfahren unter Verwendung von CRISPR-Cas, Cis-Gentechnik oder ODM sind eindeutig als Gentechnik anzusehen: Diese Verfahren setzen nicht wie die Züchtung auf der Ebene der ganzen Zellen beziehungsweise Organismen an, sondern greifen direkt auf der Ebene der DNA ein. Auch das Ergebnis der DNA-Veränderungen, wie eine multiple Veränderungen mehrerer Gen-Orte, unterscheiden sich oft deutlich von denen der konventionellen Züchtung. Die Verfahren gehen mit Risiken und Nebenwirkungen einher, die zum Teil schwer abzuschätzbar sind. Deswegen sollten bei der Risikoabschätzung auch neuere Technologien wie Omics-Methoden zum Einsatz kommen. Die mit den jeweiligen Verfahren gentechnisch veränderten Organismen sollten also nicht von der Gentechnik-Regulierung ausgenommen werden. Ansonsten fehlen die Daten für eine unabhängige Risikoprüfung ebenso wie die Angaben, die benötigt werden, um diese Organismen nach einer gewollten oder ungewollten Freisetzung zu identifizieren.

Der Eingriff in die biologische Vielfalt droht so unumkehrbar zu werden; technische Mängel, ungewollte Nebenwirkungen sowie die Risiken und biologischen Gefahren würden zu einer nicht überschaubaren Belastung nachfolgender Generationen. Kurzfristige Gewinninteressen dürfen nicht dazu führen, dass die Entscheidungsmöglichkeiten und die Wahlfreiheit zukünftiger Generationen über Bord geworfen werden.

Bekannte Akteure wie Bayer, Monsanto, DuPont und auch große Tierzuchtkonzerne wie Genus bringen sich bereits in Position und sichern ihre dominierende Marktposition über Patente auf Pflanzen und Tiere ab. Wenn man die Kosten senken will, sollte man am Patentrecht ansetzen: Mittelständische Züchter können mit dem Sortenschutz überleben, nicht aber mit dem rechtlich viel komplizierteren und teureren Patentrecht.