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Foto: Progressive Agrarwende

CRISPR-Cas9: Neue Debatten für eine nachhaltige Landwirtschaft wagen

Ende Juli 2018 urteilte der EuGH, dass durch Genome Editing veränderte Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) strengen Auflagen unterliegen. Gleichzeitig berichtet die Naturbewusstseinsstudie des BMU, dass mehr als 80% der Befragten die gezielte gentechnische Veränderung von Pflanzen ablehnen.

Die Landwirtschaft legte den Grundstein für eine sesshafte Gesellschaft, aus der sich die heutigen Gesellschaftsstrukturen entwickelten. Die Ablehnung gegenüber genetischen Veränderungen ignoriert, dass bereits 9000 v. Chr. Pflanzen mit vorteilhaften Attributen, resultierend aus Genmutationen, selektiert wurden. Pflanzenzucht war – und ist – ausschlaggebend für die Ernährungssicherheit. Traditionelle Mutageneseverfahren verwenden Strahlung oder Chemikalien, welche Gene verändern und damit die Attribute der Pflanze. Da jedoch die gesamte Pflanze den Mutagenen ausgesetzt ist, entstehen ebenso Mutationen, die nicht direkt im Phänotyp erkennbar sind. Gene, die etwa vorteilhaft bei der Pathogenabwehr sind, können in der nachfolgenden Zucht verlorengehen. Interessanterweise urteilt der EuGH, dass eben die traditionellen Mutageneseverfahren von der Regulierungdurch die EU-Freisetzungsrichtlinie ausgenommen sind, weil sie „seit langem als sicher gelten“, während CRISPR-Cas9 als unsicher eingestuft wird. CRISPR-Cas9 kann Brüche an präzisen Stellen in der DNA einfügen. Der DNA-Reparaturapparat der Zelle “klebt” diesen Bruch. Die homologe Rekombination, die den Einbau fremder Gensequenzen gestattet, ist in Pflanzen nicht möglich. Auch wurde die Re-Domestizierung von Wildpflanzen in einigen Fällen schon gezeigt. Somit werden ungewollte Mutationen in vorteilhaften Genen verhindert und die Problematik der traditionellen Verfahren umgangen. Im Angesicht sich zuspitzender Krisen, wie dem Klimawandel, müssen sich Pflanzen an immer neue Bedingungen anpassen. CRISPR-Cas9 ist ein Werkzeug, welches das Potential bietet, Pflanzen gezielter und sicherer für eine nachhaltige Landwirtschaft zu züchten.
Was passierte, als der EuGH Genome Editing mit der Transgenese verglich und die Auflagen verschärfte? Die ahistorische Sehnsucht der Verbraucher und Verbraucherinnen nach „naturreinem Essen“ wurde scheinbar befriedigt. Der Mechanismus des freien Marktes griff und multinationale Konzerne lagerten Freisetzungsversuche und Anbau in den Globalen Süden, vor allem nach Südamerika, aus. Handelsabkommen wie Mercosur manifestieren neokoloniale Wirtschaftsstrukturen und der Handel mit GVOs, insbesondere der EU-Import, wurde angekurbelt. Erschreckend ist auch, dass europäische NGOs ihre eurozentrischen Anti-GVO-Kampagnen entgegen jeglicher Evidenz weltweit verbreiten. Letztlich tragen wir die Verantwortung, wenn sicheres GVO-Saatgut für Golden Rice (verhindert Erblindung durch erhöhtes Vitamin A), nicht zur Anwendung kommt.

Während Zoonosen die Welt in Atem halten und der anthropogene Klimawandel weltweite Ungerechtigkeit forciert, ist wissenschaftlicher Konsens die beste und einzige Grundlage, anhand dessen wir gesellschaftspolitische Maßnahmen ausrichten können. Die Debatte um Gentechnik muss dringend um sozioökonomische Aspekte ergänzt und der Konsens zur eindeutigen Sicherheit von GVOs anerkannt werden. Das Vertrauen in die Wissenschaft wird massiv untergraben, wenn Fakten zu Gentechnik und Homöopathie selektiv ignoriert werden, um die Mehrheitsfähigkeit von Parteien nicht zu beeinträchtigen.
Um unsere Welt trotz globaler Herausforderungen sozial gerecht und ökologisch nachhaltig zu gestalten, sollte wissenschaftlichem Konsens höheren Stellenwert beizumessen werden. Dazu gehört auch, wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel zu finden und dabei auch Grüne Gentechnik nicht pauschal auszuschließen. Eine geeignete Regulierung muss eine Nutzung der Chancen ermöglichen und gleichzeitig Saatgut als öffentliche Ressource sichern.

Klartext aus |transkript 3/2020