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Andreas Mietzsch, Publizist und Unternehmer © BIOCOM AG

Eine neue Seuche droht. Kommt jetzt noch mehr von der wirkungslosen Medizin?

Als Begründung für neue, staatlich finanzierte Strukturen wird angegeben, dass in Deutschland/Europa zwar auf hohem Niveau geforscht wird, aber von hier aus leider keine disruptiven Innovationen den Weltmarkt umkrempeln. So schielt man denn auf die DARPA, die Ideenschmiede des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Die betreibt unter anderem ein Programm mit dem Titel „Continuous Assisted Performance“, das mit angeblich „biotechnologischen Mitteln“ wie Implantaten oder einer Manipulation des Stoffwechsels erreichen will, dass Soldaten bis zu sieben Tage lang wach bleiben können, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Geht‘s noch?

In einem biopolitischen Beitrag im neuen BioTechnologie Jahrbuch 2018 habe ich schon die Frage gestellt, ob irgendjemand glaubt, dass eine deutsche Agentur vor 20 Jahren zum Beispiel überhaupt wahrgenommen hätte, dass ein damals junger, amerikanischer Buchversand-Unternehmer sich anschickte, der größte Versandhändler der Welt zu werden? Heute beherrscht seine Firma Amazon rund 50% des deutschen Online-Handels, ist das zweitwertvollste Unternehmen auf dem Globus, beschäftigt 570.000 Menschen und der Unternehmer namens Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt. Das nenne ich eine Disruption – hat jemand davon gehört, dass dabei eine Agentur ihre Hand im Spiel hatte? Das iPhone revolutionierte unsere Kommunikation. Warum? Weil sich der Chef der Firma Apple darüber ärgerte, dass sich die damaligen Mobiltelefone nur so umständlich bedienen ließen. Steve Jobs war anmaßend, verrückt und mutig genug, der ganzen Welt zu zeigen, dass er das besser machen konnte. Zwei Beispiele von vielen – offenbar herrschen in den USA für solche Typen bessere Bedingungen als bei uns.

Statt zu fragen, was wir bei uns daran radikal ändern können, wird ernstlich die Gründung einer weiteren Institution erwogen: noch mehr Gremien, Planstellen, noch mehr Sitzungen, Positionspapiere, Tagungen, Projektförderungen usw. usf. Noch mehr von der Medizin, die in diesem Fall erwiesenermaßen nicht hilft. Das passt auch gut zum Zeitgeist, in dem Eigeninitiative abnimmt, Probleme soll gefälligst „die Politik“ lösen. Wer Visionen habe, solle zum Arzt, sagte mal ein Bundeskanzler. Von wegen! Manchmal habe ich das Gefühl, wir bewegen uns inzwischen in Richtung einer (wohlhabenderen) DDR. In der gab es garantiert keine Sprunginnovationen.

Dabei könnte die öffentliche Hand sehr segensreich wirken, um auch bei uns wieder echte Disruptoren hervorzubringen: angefangen von anspruchsvollem Wirtschaftsunterricht in den Schulen über smarten Bürokratieabbau bis hin zur steuerlichen Förderung der Anlage von Privatkapital in forschenden und entwickelnden KMUs. Und wenn es auch ein großer Wurf sein soll: Im BioTechnologie Jahrbuch habe ich anhand von Beispielen vorgeschlagen, globale Probleme unserer Zeit zu identifizieren (das kann in einer Kabinettssitzung geschehen, dafür braucht es keine Agentur) und zur Lösung einen technologieoffenen Wettbewerb mit einer fetten Siegesprämie in dreistelliger Millionenhöhe auszuloben. Aus meiner Sicht besteht die Aufgabe des Staates nämlich darin, perfekte Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen, Akzeptanz für neue Technologien zu fördern und verbindliche Regeln zu garantieren. Den Rest kann man getrost dem Einfallsreichtum der Wirtschaft und anmaßenden, verrückten und mutigen jungen Leuten überlassen. Die machen das schon, wenn man sie lässt.