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Foto: Michael Krawczack

ESG-Kriterien dürfen Investitionen in die Biotechnologie nicht behindern

In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit großgeschrieben wird, können sich Investoren dank der ESG-Kriterien vor finanziellen Engagements in fragwürdige Unternehmen und Produkte schützen. Firmen, die die ESG-Kriterien nicht erfüllen, werden so von vornherein aus dem Investment-Universum ausgeschlossen, zum Beispiel aus grünen oder ähnlichen Fonds. Auf dem Index stehen umweltschädigende Technologien (­ecology), sozial geächtete Praktiken (social) und eine fragwürdige Unternehmensführung (governance). Als Ausschlusskriterien gelten etwa Korruption, Ausbeutung, Kinderarbeit, die Verbreitung von Pornographie, Waffen, Streubomben, Suchtmittel, Glücksspiel sowie die Förderung der Nutzung von Atomkraft und fossilen Brennstoffen.


Der Kreis der Investoren, welche die von der OECD, der WHO und der Europäischen Kommission unterstützten Prinzipen für verantwortungsbewusste Investitionen (PRI) beachten, hat sich dem Nachhaltigkeitstrend folgend seit 2006 fast vervierzigfacht – Tendenz steigend, insbesondere bei Privatinvestoren. Wie die ESG-Kriterien gewichtet werden, entscheiden dabei bei vermögensverwaltenden Fonds das Fondsmanagement, bei passiven Investmentfonds (ETF) die Indexanbieter.
Eine gute Sache, sollte man meinen. Erhalten Investoren doch von Beginn an eine Orientierung darüber, was nachhaltig, innovativ und renditeträchtig ist. Die Europäische Kommission will deshalb Wertpapierfirmen und Versicherungsanbieter dazu verpflichten, sich nach den ESG-Präferenzen ihrer Kunden zu erkundigen, und diese bei der Investitionsentscheidung zu berücksichtigen. Eine lobenswerte Absicht. Doch droht durch die zunehmende Bedeutung der ESG-Kriterien bei Investitionsentscheidungen nun auch ein Innovationsfeld ausgegrenzt zu werden, das erst jüngst gezeigt hat, welchen gewaltigen Nutzen es für die Weltgemeinschaft bietet. Die Rede ist von der Biotechnologie, genauer gesagt der Gentechnik. Denn die Gentechnik findet sich groteskerweise auch unter den ESG-Ausschlusskriterien, ursprünglich wohl wegen postulierter Umweltschäden durch den Einsatz gentechnischer Methoden der ersten Generation. Doch auch der Ausschluss von Gentechnik in der Medizin wird im Zuge des ESG-Scorings angeboten, allem voran das Embryoklonen und die Genreparatur mittels der Genschere CRISPR/Cas. Da Nachhaltigkeit ein immer wichtigeres Aushängeschild wird, gewinnen die ESG-Kriterien nicht nur bei den originär grünen Investitionen, die sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen orientieren, an Gewicht.


Angesichts der Konotation des Begriffs Gentechnik in Deutschland kann aber nicht genug vor einer undifferenzierten Ausgrenzung der Gentechnik gewarnt werden: Ohne ihren Einsatz hätten wir nicht einen einzigen Corona-Impfstoff. Es gäbe nicht die therapeutische Option, die Virustiter von SARS-CoV-2 gleich nach Diagnose mit Hilfe von in den USA Ende 2020 zugelassenen monoklonalen Antikörpertherapien, wie etwa dem Antikörpermix REGN-CoV, so weit zu reduzieren, dass 70% der COVID-19-bedingten Krankenhauseinweisungen und viele Todesfälle vermieden werden können. Auch Biologika für andere, oft chronische Indikationen wie Rheuma, MS und Krebs, die rund 30% des jährlichen Pharmaumsatzes ausmachen, würden bei undifferenzierter Anwendung der ESG-Kriterien tabuisiert. Sinnvolle Anwendungen würden als nicht nachhaltige Investition denunziert. Doch damit nicht genug: Auch der Entwicklung ausgewiesen nachhaltiger, umweltfreundlicher enzymatischer Produktionsverfahren, die versprechen, die chemische Industrie nachhaltig zu biologisieren, würde der Geldhahn zugedreht – der Todesstoß für die jahrelang von der EU vorangetriebene Bioökonomie.


Die im Investment-Sektor seit Jahren praktizierte Verunglimpfung der Gentechnik erinnert an die dunkelsten 70er Jahre, als in Deutschland zum Beispiel gegen die gentechnische Produktion von Insulin demonstriert wurde, weil dieses vielen Diabetikern den Tod bringen würde.
Es ist einfach nicht nachzuvollziehen, dass die auf den Methoden der Gentechnik beruhende moderne Biotechnologie zwar gerade dabei ist, mit ihren neu und schnell entwickelten Impfstoffen die Welt zu retten, sie aber dennoch durch die aktuellen ESG-Kriterien in die gleiche Schmuddelecke gestellt wird wie die Produktion von Tretminen oder die Herstellung und Verbreitung pornographischen Materials. Liebe Banker und Fondsmanager, das kann doch nicht Euer Ernst sein!

Dieser Klartext erschien Ende August in der Ausgabe von |transkript 3/2021.