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Abb.: Barmer/BPI

Kostenexplosion durch personalisierte Medizin?

Pro: Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender Barmer Ersatzkasse

Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel für BARMER-Versicherte steigen mit zehn Prozent pro Jahr doppelt so schnell wie für Arzneimittel insgesamt. Nicht, weil es mehr Tumorerkrankungen gibt, sondern weil neue Onkologika um ein Vielfaches teurer sind als die bisherigen und in Deutschland teurer als in anderen Ländern Europas. Therapiekosten des fortgeschrittenen malignen Melanoms pro Patient haben sich in den vergangenen fünf Jahren verachtfacht.

Nicht „personalisierte Medizin“ ist dasProblem, es sind die Preise der neuen Onkologika. Diese, eingesetzt bei zwölf Prozent der Patienten, sind für 41 Prozent der Ausgaben verantwortlich. Die Kosten pro Arzneimittel und Patient liegen bei diesen Innovationen regelhaft bei 100.000 Euro pro Jahr, auch für Substanzen, die nur eine kurzfristige Verlangsamung des Tumorwachstums, aber keine Lebensverlängerung erreichen und deren Risiken nicht genau bekannt sind.

Mit jedem dritten „Orphan Drug“ wurden bis zur Zulassung nicht einmal 100 Patienten behandelt. „Personalisierte Medizin“ ist hier auch Vorwand, um über eine Zulassung als Arzneimittel für seltene Erkrankungen (Orphan Drug) die wissenschaftliche Bewertung von Nutzen und Risiken im AMNOG-Verfahren zu umgehen. Wissen und nicht Hoffnung muss aber die Basis von Therapieentscheidungen und auch der Preisfindung sein. Auch für Orphan Drugs ist eine wissenschaftliche Bewertung des Zusatznutzens vorzuschreiben. Sind Studien zum Zulassungszeitpunkt nicht ausreichend aussagefähig, muss ihre Durchführung beauflagt und die Zulassung zeitlich befristet werden. Dies bedeutet, dass auch eine „späte“ Nutzenbewertung erforderlich und einzuführen ist. In erster Linie geht es hier nicht um den Preis, sondern um die Verpflichtung dem Patienten gegenüber, der ein Recht darauf hat zu erfahren, welche Chancen und welche Risiken ein Arzneimittel für ihn bietet.

Kontra: Dr. Pablo Serrano, Geschäftsfeldleiter Innovation & Forschung/Biotechnologie im BPI e.V.

Eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen gibt es nicht. Obwohl die gesetzlichen Krankenkassen Ausgabensteigerungen bei Medikamenten verzeichnen, betrugen diese 2016 nur 3,1% pro Patient. Auch die jahrelang in der personalisierten Medizin verwendeten, in ihrer großen Mehrheit stratifizierenden Diagnostikum/Therapeutikum-Kombinationen haben nicht zu nennenswerten Mehrkosten geführt: Seit Jahren liegen die GKV-Ausgaben hier bei etwa 17%. Richtig ist jedoch, dass die Anpassung von Wirkstoffen an Patientenspezifika das Gesundheitssystem nicht billiger machen wird.
 
Insgesamt werden die Gesundheitsausgaben steigen. Dies ist jedoch vor allem auf die höhere Lebenserwartung zurückzuführen. Weil wir immer älter werden, gibt es mehr chronisch Kranke und multimorbide Menschen – heute schon das überwältigende Gros der Patienten. Gerade hier kann aber die personalisierte Medizin helfen, Effektivitätsreserven im Gesundheitssystem zu mobilisieren, vor allem bei der Anwendung des sogenannten 4P-Konzeptes: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ.
 
Medizinisch fortschrittliche stratifizierende oder hochindividualisierte Therapieansätze wie Immunonkologika, Zelltherapien oder Krebsvakzine entstehen heute mittels Transfers des jahrelang erarbeiteten molekularbiologischen Wissens über Krankheiten in wirksame, effektive und sichere Wirkstoffe. Dies ist ein langwieriger und hochkomplexer Prozess, den meist die Industrie federführend bewältigt und finanziert.
 
Es ist vor allem im Hinblick auf den demographischen Wandel nicht sinnvoll zu diskutieren, welche Art der Medizin bezahlt werden soll. Einen offenen Austausch zwischen Patienten, Hersteller, Kosten- und Leistungsträger sowie Behörden – und zwar fernab jeglichen Lagerdenkens – zu unterstützen, ist der bessere Weg zur optimalen und nachhaltigen Versorgung.