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Mindset change

So der politische Konsens, so die gesellschaftliche Wahrnehmung, so der gesunde Menschenverstand. Man könnte nun annehmen, dass eine industriepolitische Wende stattgefunden hat und eine biobasierte Branche sich kraftvoll den Weg bahnt. Aber wo stehen wir nach zehn Jahren Bioökonomiestrategie(n) und Maßnahmen? Das „Cologne Paper“ als Auftakt ist 2007 unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorgestellt worden. Immer mehr Workshops, Stakeholder Meetings, Start-up-Pitches und Symposien zeigen zwei Seiten einer Medaille: Auf der einen Seite werden die Angebote an Lösungen vielfältiger und reifer, wohl auch als zwangsläufige Folge der Explosion des biologischen Wissens. Auf der anderen Seite wird das industrielle Engagement eher kleiner, die Finanzierungsbedingungen etwa für Start-ups oder Börsenaspiranten eher schlechter. 

Der Bioökonomierat hat in seiner Analyse zum Impact der Bioökononomie auf die starke Chemieindustrie vor fünf Jahren festgestellt, dass die Investitionen marginal sind und eine fossile Renaissance mit Investitionen in neue Steamcracker wahrscheinlicher ist als ein breitangelegtes Umsteuern. Und siehe: es werden auf breiter Front neue fossile Anlagen gebaut. Man mag diese Einschätzung als Spielverderberei einschätzen oder ignorieren, aber es wird schwierig werden, einen Nachweis über die notwendige heranwachsende kraftvolle Branche zu führen. 

Entgegen allen politischen Beteuerungen: Wir stehen immer noch am Anfang. Ja, die Erfolgsbeispiele häufen sich, aber: Die Finanzierung einer volkswirtschaftlichen Wende MUSS über einen innovationsorientierten Kapitalmarkt, ein funktionsfähiges Kapitalökosystem erfolgen. Wie bei jedem Kondratieff-Zyklus, wie bei jeder neu entstehenden disruptiven Industrie spielen Kapitalmarktakteure in ihrem Zusammenspiel eine zentrale Rolle. Die jüngsten Beispiele zeigen das: Hardware- und Software-Industrien sowie die Biotechnologieindustrie sind mit massiver Kapitalmarktbegleitung in den USA entstanden – mit enormen Kapitalmarkterfolgen und Renditen, und zum Nachteil des europäischen und deutschen Standorts. Über Venture Capital, Private Equity, vorbörslich aktive, spezialisierte PreIPO-Fonds und starke spezialisierte Investmentbanken ist ein Ökosystem entstanden, das den Aufbau ganzer Industrien ermöglicht. Ein innovationsorientierter Kapitalmarkt bedient alle Wachstumsbranchen, es sind häufig ein- und dieselben Akteure, nicht zu vergessen branchenübergreifend aktive Serial Entrepreneure: Sie kennen die Muster und spielen die Klaviatur des Marktes.

Statt immer neuer Förderprogramme müsste der Aufbau eines innovationsorientierten Kapitalmarkts zur sinnvollen Allokation des ja reichlich vorhandenen anlage- und renditesuchenden Kapitals ins Zentrum des politischen Handels rücken. Das ist nicht mehr (alleinige) Aufgabe der DG Research oder des BMBF. Nein, es wäre eine Aufgabe für das gesamte Regierungshandeln, angeführt vom Kommissionspräsidenten oder der Kanzlerin. Denn es entscheidet über nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts. 

Also Klartext: Mit der Marginalisierung der Bioökonomie als landwirtschaftlicher Seitenzweig oder Ökothema ist niemandem gedient. Angesichts der großen Herausforderungen und der Möglichkeiten einer Biologisierung kann das Thema nicht groß genug gedacht werden: Wir reden über eine zukunftsfähige Industrie und Wirtschaftsform. Und es muss der richtige politische Weg eingeschlagen werden. Ein Förderprogramm und Aufstocken von öffentlichen Fondskonstrukten ist es nicht. Nicht Steuergelder, sondern vor allem privates Kapital muss sinnvoll für die Zukunftsgestaltung allokiert werden, hierfür möge die Politik die entsprechenden Weichenstellungen vornehmen, Vorschläge wie etwa „1% für die Zukunft“ liegen auf dem Tisch.

Erschienen in |transkript 11-12/18