Spezial
Foto: Pete Linforth/Pixabay

Hurra, wir leben noch

 Mit einem guten Monat Verspätung halten Sie, liebe Leser, Ihr neues |transkript-Heft in den Händen. Der Grund dafür muss kaum genannt werden – Corona natürlich. Mitten in die Vorbereitungen platzte das Virus: Produktion bedroht, Lieferketten gestört, nahezu die ganze Belegschaft im Home Office, keine Reisen mehr, keine Veranstaltungen, viele Ansprechpartner nicht zu erreichen. So hat es etwas länger gedauert, doch es hat sich auch gelohnt: Mit einem schnellen Schwenk auf das Thema COVID-19 stellte die Redaktion ein ganz anderes Heft zusammen als ursprünglich geplant. Der gewohnte Aufbau kam dabei allerdings etwas zu kurz, nicht alle Rubriken sind diesmal dabei. Doch die beiden anderen vorgesehenen Schwerpunkte Biomanufacturing und Automation ergänzen das neue Titelthema prächtig. So sehen Sie es uns bitte nach, dass diesmal alles etwas anders ist – doch das ist ja auch nichts zu den Veränderungen, die wir alle in den vergangenen Wochen in unserem Alltag bewältigen mussten und müssen.

Alle Welt fragt sich nun, wie es weitergehen soll. Die DACH-Region hat sich bei der Eindämmung des Virus wacker geschlagen, doch erstens ist die Pandemie nicht vorbei und zweitens kommt die Rechnung erst zum Schluss. In der Krise besonnen zu handeln, ist für eine gute Regierung Pflicht, einen schlauen Plan für danach zu entwickeln aber erst recht. Davon ist bislang wenig zu sehen. Dabei sind doch die Qualitätszeitungen seit Wochen voll von Analysen, Mahnungen und guten Ideen. Selbst die lange unerwähnte Biotechnologie kann sich im Zusammenhang mit Tests und Impfstoffforschung wieder einer gewissen Aufmerksamkeit erfreuen.

Das Virus gibt uns immer noch viele Rätsel auf, doch nach dem Maßstab der „Übersterblichkeit“ – also der Zahl der zusätzlichen Toten im statistischen Vergleich laut Destatis – ist die Mortalitätsrate von SARS-Cov-2 hierzulande mit einer Grippe zumindest vergleichbar. Was für die Betroffenen und ihre Angehörigen natürlich kein Trost ist. Ich kann mich noch gut an die Hongkong-Grippe 1968 erinnern. Meine ganze Familie war zeitgleich schwer krank, der Hausarzt kam nicht mehr, nur der Pfarrer, der der Oma die Sterbesakramente brachte. Eine bis zwei Millionen Tote weltweit kostete diese Grippe in zwei Wellen, doch niemand kam auf die Idee, das wirtschaftliche oder soziale Leben deshalb anzuhalten. Das ist jetzt neu, und das ist gut so. Denn es gibt uns die einmalige Chance, innezuhalten.

Zwischenbilanz: Wir sind viel zu viele Menschen auf diesem Planeten, die häufig viel zu dicht zusammenleben und ständig hin- und herreisen. Ein Traumbiotop für jedes Virus – seien wir bloß froh, dass es nur Corona und nicht Ebola ist. Gleichzeitig vergewaltigen wir unseren Planeten und lassen anderen Lebewesen keinen Raum mehr.  Wir ruinieren nachhaltig unsere Biosphäre und quatschen auf internationalen Kongressen endlos darüber, ohne uns auf Abhilfe zu einigen. Seien wir doch mal ehrlich: Reiche Länder geben derzeit Billionen dafür aus, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu mildern. Hätten wir die gleichen Billionen ein paar Jahre früher für Klima- und Naturschutz, nachhaltiges Wirtschaften und gesundes Leben ausgegeben, hätte es die Pandemie möglicherweise gar nicht erst gegeben.

Und was fordern die ewig Gestrigen jetzt: Kaufprämien für Autos! Wir müssen uns stattdessen darauf besinnen, was wirklich wichtig ist, und anfangen, anders zu leben. Und zwar weltweit. Nebenbei: Die Biologisierung der Industrie fordern wir schon lange …

aus |transkript 2/2020