Netzwerken in großer Höhe: neue Dynamik am Standort Martinsried

Auf der 16. IZB-Presselounge trafen sich Mitte März lokale Akteure aus Wissenschaft und Firmen mit einer Reihe Investoren, die neueste Trends und Entwicklungen von der medizinischen bis zur industriellen Biotechnologie besprachen.

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Die Biotech Press Lounge des Innovations- und Gründerzentrums für Biotechnologie (IZB) hat sich als beliebtes Netzwerktreffen für Akteure aus der Biotech-, Pharma- und Venture-Capital-Branche sowie Medienvertreter etabliert. Am 16. März 2023 trafen sich rund 70 Gäste im IZB Faculty Club G2B (Gateway to Biotech) zu drei Impulsvorträgen und anschließendem Austausch. Dr. Karl Nägler von Wellington Partners philosophierte über die Arzneimitteltherapien der Zukunft. Dr. Daniel Reichart von der Harvard Medical School – und familiär als Herzforscher stark vorbelastet – präsentierte den Atlas für menschliche Herzzellen, auf dessen Basis zukünftig personalisierte Therapien für Herzkrankheiten entwickelt werden können. Das IZB-Start-up 4Gene berichtete über seine Plattform-Technologie zur Herstellung veredelter Moleküle, die die Welt verändern könnten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Anouschka Horn vom Bayerischen Fernsehen.

Dr. Peter Hanns Zobel, Geschäftsführer des IZB, eröffnete die Veranstaltung gewohnt launig und gab einen Überblick über die nächsten, zukünftigen Entwicklugen am Standort Martinsried. Diese konnten Anreisende mit dem öffentlichen Nahverkehr selbst erfahren, die den bisherigen Waldweg von der U-Bahn-Endhaltestelle Großhadern nun als Leistungsschau modernen Baugerätes begehen können, da auf dieser Strecke (rund 1,5km) nun für rund 220 Mio. Euro eine neue U-Bahn-Endhaltestelle in Martinsried gebaut wird. Die Kostenentwicklung (in einer der früheren konkreteren Planung 2010 war man noch von unter 70 Mio. Euro ausgegangen) und Planungshorizonte des Neubaus der beiden Max-Planck-Institute (geschätzt aktuell 600 Mio. Euro) sowie des gesamten Universitätsklinikums Großhadern, veranlassten Zobel zu der Prognose, dass in den nächsten zehn Jahren wohl gut 3,5 Mrd. Euro in den Standort fließen werden – womit der starke Wille zu weiterem Wachstum dokumentiert sei. Aus gutem Grund, denn "die Life Sciences-Branche ist hoch innovativ, und es ist immer wieder faszinierend, sich über den wissenschaftlichen Fortschritt und die aktuellen und zukünftigen Trends in der Biotechnologie auszutauschen“, so Zobel.

In seinem Vortrag stellte Nägler (Wellington Partners) seine Sicht auf zukünftige Entwicklungen vor. Um Krankheiten heilen zu können, würden therapeutische Modalitäten immer komplexer, intelligenter und individualisierbarer. Die Digitalisierung würde Drug Discovery und Development rationaler und damit effizienter machen, sodass eine größere Anzahl neuer Medikamente schneller und zu niedrigeren Kosten auf den Markt kommen könnte. Er sehe einen Trend zur "Demokratisierung von Forschung und Entwicklung", dass also gut aufgestellte wissenschaftliche Einrichtungen einen immer größeren Teil der präklinischen Entwicklungsarbeiten leisten könnten und sich die Pharmaindustrie strukturell dem anpassen müsse. Auch die Prävention verzeichne eine steigende Bedeutung und könnte künftig nicht nur zu einer frühen Diagnose, sondern auch zur Gesunderhaltung sehr viel mehr beitragen. „Basierend auf diesen Annahmen, halte ich Gentherapien, insbesondere das Gene Editing, für eine Schlüsseltechnologie der Zukunft. Das setzt Technologien voraus, die noch sicherer sind als heute, und deren Ergebnisse sich vollständig vorhersagen lassen. Einige solcher Technologien sind bereits in der frühen Entwicklung, auch unterstützt von Wellington Partners, und werden zu einem Paradigmenwechsel in der Arzneimitteltherapie führen“, so Karl Nägler.

Hochwissenschaftlich wurde es beim Projekt „Human Heart Cell Atlas“, das Daniel Reichart, Sohn des Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart – vorstellte. Der neue Atlas zeigt mit Hilfe der Einzelzell- und Einzelnukleus-RNA-Sequenzierung eine – zuvor unbekannte – zelluläre und molekulare Vielfalt der Zelltypen des menschlichen Herzens auf. Die dabei erreichte hohe Sensitivität ermöglicht eine genaue Charakterisierung der Genaktivität jedes einzelnen Herzzelltyps und derer Subtypen – was wiederum hilft zu verstehen, wie eine lebenslange Leistungsfähigkeit des Herzens erreicht wird und wie sich dieses Zusammenspiel während einer Erkrankung unterscheidet. „Letztendlich können diese grundlegenden Erkenntnisse in der Zukunft zu maßgeschneiderten Therapien führen und damit eine personalisierte Medizin für Herzkrankheiten schaffen, die für jeden Patienten und jede Patientin die Wirksamkeit der Behandlung verbessert“, so Reichart.

Heimo Adamski, Geschäftsführender Gesellschafter der 4GENE GmbH, sprach in seinem Vortrag über eine neue Plattform-Technologie für „Improved Molecules“, die er im Bereich der industriellen Biotechnologie ansiedelt – mit Entwicklungspotential in Richtung Pharma, Nahrung, Kosmetik, aber auch Sensorik. Die von 4GENE entwickelte Technologie-Plattform für die Glykosylierung von kleinen Molekülen kann etwa Abhilfe bei schlechter Wasserlöslichkeit von Wirkstoffen schaffen und verbessert diese um das bis zu 5.000-Fache. Neben dem Einsatz der Glykosylierung im pharmazeutischen Umfeld eignet sich die Technologie auch für den Einsatz bei Duft- und Aromastoffen in der Kosmetik, bei Lebensmitteln und selbst für industrielle Anwendungen.

Die ganz unterschiedlichen Einblicke in die vielfältigen Ansätze der anwesenden Wissenschaftler und Unternehmensvertreter im siebten Stock des IZB-Turms boten genügend Stoff für anregenden Austausch, während man beim Blick aus dem Fenster den Baggern, Bohrern und Muldenkippern bei der Arbeit zuschauen konnte.

Startkapital für Schweizer SixPeaks Bio

In Basel tritt die Firma SixPeaks Bio AG neu aufs Parkett. Das im Inkubator Ridgeline Discovery der VC-Gesellschaft Versant Ventures entwickelte Projekt erhält in einer Serie A-Finanzierung 30 Mio. US-Dollar. Dazu verpflichtet sich AstraZeneca in den nächsten zwei Jahren 80 Mio. US-Dollar bereitzustellen. Es geht in dem Projekt um den Muskelerhalt bei GLP-1-Diäten

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