
Dunkelblau: Evotec profitiert von Firmenübernahme in Großbritannien
Die Firmenakquise der britischen Dark Blue Therapeutics aus Oxford durch die US-amerikanische Biotechnologie-Firma Amgen Inc. hat auch einen deutschen Profiteur: die Hamburger Evotec SE. In einer frühen Kooperation mit den Wissenschaftlern aus Oxford hatten sich die Hamburger Anteile gesichert und partizipieren nun an der Verkaufssumme von bis zu 840 Mio. US-Dollar.
Amgen übernimmt das britische Biotech-Unternehmen Dark Blue Therapeutics in einer Transaktion mit einem potentiellen Gesamtvolumen von bis zu 840 Mio. US-Dollar und eröffnet damit zum Jahresbeginn den bereits im vergangenen Jahr ausufernden Einkaufsbummel der großen Biotech- und Pharmaunternehmen. Mit dem Zukauf baut Amgen seine frühe Onkologie-Pipeline gemäß der Unternehmensstrategie weiter aus, die interne Onkologie-Forschung gezielt durch neue Biologie und Expertise in frühen Entwicklungsphasen zu stärken, anstatt auf den Erwerb spätklinischer Programme zu setzen.
Übernommen wird dabei mehr als ein einzelner Wirkstoffkandidat. Dark Blue hat sich auf die gezielte Modulation von Transkriptionsregulatoren spezialisiert, die bislang als schwer oder gar nicht medikamentös adressierbar galten. Das am weitesten fortgeschrittene Programm DBT-3757 befindet sich in der präklinischen Entwicklung und richtet sich gegen akute myeloische und akute lymphoblastische Leukämien. Es gilt als potentieller First-in-Class-Ansatz.
Inkubation zusammen mit Evotec
Stark involviert in die Entwicklung und die Erweiterungen rings um die gesamte Technologieplattform von Dark Blue ist die Hamburger Evotec SE. Vor rund sieben Jahren startete das Unternehmen seine Strategie, an exzellenten Wissenschaftsstandorten Hilfe für die industrienähere Wirkstoffentwicklung anzubieten. Das Modell wurde BRIDGE getauft und Oxford war der erste Standort einer solchen Translationsbrücke.
BRIDGE (Biomedical Research, Innovation & Development Generation Efficiency) ist ein integriertes Förder- und Beteiligungsmodell, das den Transfer früher akademischer Wirkstoffforschung in die pharmazeutische Entwicklung beschleunigen soll. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Pre-Seed-Partnerschaften, mit denen akademische Projekte von der therapeutischen Idee bis zu belastbaren, investierbaren Datenpunkten geführt werden. Dazu stellt BRIDGE Forschern nicht nur fachliches Know-how in der Wirkstoffforschung zur Verfügung, sondern auch eigene Technologieplattformen sowie eine passende Kofinanzierung.
Das BRIDGE-Modell gliedert sich in zwei Ansätze: strategische Partnerschaften und Start-up-Studios. Beide Formate zielen darauf ab, Ausgründungen sowie Lizenzierungsoptionen zu beschleunigen. Im Fokus stehen dabei die frühe Validierung von First- oder Best-in-Class-Therapiekonzepten, die Verbesserung der Reproduzierbarkeit akademischer Forschungsdaten, die Unterstützung von Universitäten beim Aufbau nachhaltiger Start-ups sowie eine deutliche Verkürzung der Zeit von der Idee bis zum präklinischen Proof-of-Concept und zur Anschlussfinanzierung. Aktuell unterhält BRIDGE Partnerschaften auf drei Kontinenten mit mehr als 40 führenden akademischen Einrichtungen, etwa auch im deutschen Heidelberg. Beteiligt ist zudem ein breites Investorenumfeld, das von Pharmaunternehmen über Venture-Capital-Gesellschaften bis hin zu staatlichen Akteuren reicht.
Anteil am Erfolg
Durch die frühe Interaktion mit Dark Blue hält Evotec eine etwa 20%ige Beteiligung, wie aus Unternehmenskreisen verlautete. Diese wird durch den Verkauf nun anteilig in der Upfront-, aber auch in noch folgenden Meilensteinzahlungen versilbert. Entsprechend erfreut ist man bei Evotec über die Entwicklungen. „Evotec begrüßt die Amgen-Übernahme von Dark Blue Therapeutics – ein Unternehmen, das ursprünglich als Pre‑Seed‑Projekt im Rahmen von LAB282, der ersten Zusammenarbeit innerhalb von Evotecs Academic‑BRIDGE‑Portfolio, entstanden ist. Entsprechend unserer Beteiligung haben wir einen Anteil an der festen Vorauszahlung erhalten und blicken auf ein mögliches, zusätzliches Upside, das an das Erreichen definierter Entwicklungsfortschritte geknüpft ist“, teilte Unternehmenssprecherin Dr. Sarah Fakih auf transkript-Nachfrage mit.
Für Evotec ist dies ein konkreter Beleg, dass die einst von Werner Lanthaler, Cord Dohrmann und Thomas Hanke ausgedachte Strategie der räumlichen Nähe zu exzellenten Wissenschaftsstandorten, Früchte trägt. „Wir sind sehr stolz darauf, Dark Blue Therapeutics in seiner frühen Entwicklungsphase im Rahmen des Academic‑BRIDGE‑Modells unterstützt zu haben, und sehen die Übernahme durch Amgen als starke Bestätigung der wissenschaftlichen Expertise und des großen Potentials von Dark Blue Therapeutic“, kommentierte Fakih diesen Erfolg.
Wirkstoff des gezielten Proteinabbaus
DBT-3757 zielt auf die Transkriptionsregulatoren MLLT1 und MLLT3 ab, die mit einer Fehlregulation der Genexpression bei bestimmten Leukämieformen in Verbindung stehen. Anders als klassische Inhibitoren setzt Dark Blue auf gezielten Proteinabbau, um diese Faktoren aus der Zelle zu entfernen – ein Ansatz, der insbesondere für bislang schwer zugängliche Zielstrukturen relevant ist.
Trotz intensiver akademischer Forschung galten MLLT1 und MLLT3 lange als therapeutisch schwer nutzbar. Ob der Ansatz von Dark Blue dies klinisch einlösen kann, muss sich allerdings erst noch zeigen: Das Programm befindet sich weiterhin in einem frühen Entwicklungsstadium, und ein Großteil des Dealvolumens ist an künftige Entwicklungs- und Zulassungserfolge geknüpft.
Der medizinische Bedarf ist hoch. Akute Leukämien gelten weiterhin als besonders herausfordernd in der Arzneimittelentwicklung. Viele Patienten erleiden nach initialem Ansprechen einen Rückfall; bei der akuten myeloischen Leukämie liegt die Rückfallrate je nach Altersgruppe bei über 50 bis zu 90 Prozent. Die Prognose für rezidivierte oder refraktäre Erkrankungen bleibt schlecht, mit einer berichteten Fünf-Jahres-Überlebensrate von rund zehn Prozent.


Amgen Corp.
Romanus Fuhrmann
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