
Stärkung Europas: Koalition der europäischen Kapitalgeber
Europas Life-Sciences-Investoren formieren sich angesichts einer wachsenden Finanzierungslücke für die Start-ups und Scale-ups in Biotechnologie und Medizintechnik. Mit einer neuen Vereinigung will man dafür sorgen, dass mehr Kapital zusammenkommt, um den Ausverkauf der europäischen Innovationen zu verhindern und auch Europa als Börsenplatz wieder ins Spiel zu bringen.
Europa bringt Spitzenforschung in den Lebenswissenschaften hervor, hat jedoch weiterhin Schwierigkeiten, diese zu finanzieren und in skalierbare Unternehmen zu überführen. Auf europäische Biotech-Venture-Finanzierungen entfallen lediglich rund 7% des weltweiten Kapitals, und 66 von 67 EU-Biotech-Firmen, die in den vergangenen sechs Jahren an die Börse gingen, wählten dafür einen Handelsplatz außerhalb Europas. Kapital ist global vorhanden – Europa gelingt es bislang nur begrenzt, es anzuziehen. Diese Klage hörte man schon lange, doch mit den weltpolitischen Spannungen und Handelskonflikten sowie dem Bestreben, Europas größere Unabhängigkeit von West und Fern-Ost zu erreichen, halten es viele nun für geboten, endlich zu handeln.
Vor diesem Hintergrund hat sich eine neue Initiative gebildet, die strukturelle Reformen anstoßen will. Die European Life Sciences Coalition (ELSC), gemeinsam mit Invest Europe gegründet, vereint Venture-Capital-Gesellschaften, Forschungseinrichtungen und Berater, um die Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen in europäische Life-Sciences-Unternehmen zu verbessern.
24 Milliarden Euro unter Management
Zu den Mitgliedern zählen unter anderem Forbion, HealthCap, Novo Holdings, Omega Funds und Sofinnova Partners sowie die Kanzleien Cooley (UK) LLP und Covington & Burling LLP und das Flanders Institute for Biotechnology (VIB). Zusammen verwalten sie mehr als 24 Mrd. Euro an spezialisierten Life-Sciences-Assets und haben über 1.400 Unternehmen finanziert.
Ziel der Koalition ist es, private und öffentliche Mittel stärker in europäische Life Sciences zu lenken. Dazu sollen institutionelle Investoren eingebunden, Kapitalmärkte besser integriert und politische Entscheidungsträger mit evidenzbasierten Vorschlägen unterstützt werden. Parallel will die Gruppe EU-Institutionen bei Gesetzgebungsverfahren – etwa rund um den geplanten Biotech Act – konkret zu Investitionshemmnissen, regulatorischen Engpässen und Marktfragmentierung beraten.
Nur eine weitere Vereinigung, die ebenso im Nirgendwo zwischen Selbstverwaltung, öffentlichem Anspruch und Niederschlag in der politischen Agenda versumpfen wird, wie viele andere? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, denn zumindest will ELSC seine Aktivitäten überprüfen und die (positive) Wirkung messen lassen. Als messbare Erfolgsindikatoren nennt die Initiative größere Fondsvolumina, mehr Investitionstickets, niedrigere regulatorische Hürden sowie eine Trendwende bei Börsengängen europäischer Biotech-Firmen in Richtung europäischer Handelsplätze.
Forderung nach europäischer Integration von Finanz- und Gesundheitsmarkt
Nach Einschätzung der Initiatoren liegt Europas Problem weniger in der wissenschaftlichen Qualität als in der Kapitaltiefe. Ohne größere Pools aus Venture- und institutionellem Kapital werde es schwer, wissenschaftliche Exzellenz in global wettbewerbsfähige Unternehmen zu überführen. Diskutiert werden unter anderem ein effizienterer europäischer Fund-of-Funds-Mechanismus für Biotech sowie stärker integrierte Kapitalmärkte – perspektivisch sogar ein gemeinsamer europäischer Börsenplatz für Wachstumsunternehmen als Pendant zur Nasdaq.
Vertreter des Flanders Institute for Biotechnology warnen zudem, dass die Finanzierung europäischer Start- und Scale-ups bereits spürbar zurückgeht und Unternehmen deshalb zunehmend in die USA abwandern. Damit gehe langfristig Wertschöpfung verloren – ein Problem, das auch mit der Fragmentierung der europäischen Gesundheitsmärkte zusammenhinge. Denn längst nicht jede Medikamenteninnovation findet sich gleichermaßen verteilt auf den 27 EU-Mitgliedsmärkten, manche Länder erhalten diese stark verzögert oder sogar überhaupt nicht. Es gibt also in der Realität ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei Markteintritt und Patientenversorgung. Ob die Initiative dieses dicke Brett wird bohren können, hängt auch davon ab, ob man das größere Fondsvolumen oder den Patientennutzen in den Vordergrund der Bemühungen stellen wird.

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