HZI Braunschweig, Verena Meier

Avethera übernimmt Fraunhofer-GMP in Braunschweig

Das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM hat den Verkauf seines Standorts in Braunschweig an die AveThera GmbH kürzlich erfolgreich abgeschlossen. Damit übernimmt ein junges Unternehmen, das die GMP-Produktionskapazitäten für eigene Biosimilarprojekte oder Aufträge von Dritten nutzen will. Warum unter den angeblich zahlreichen Interessenten das "Greenhorn" Avethera ausgewählt wurde, mag auch an Strippenzieher Andreas Herrmann liegen, der schon auf Island mit einem Biosimilar-Unternehmen von Null an erfolgreich war.

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Es klingt gepflegt umschreibend, was die Ursache für einen Verkauf des Fraunhofer ITEM-Standortes in Braunschweig angeht: „Aufgrund des stark industriell geprägten Geschäftsmodells des Bereichs Pharmazeutische Biotechnologie des Fraunhofer ITEM am Standort Braunschweig forcierte die Institutsleitung gemeinsam mit der Zentrale der Fraunhofer-Gesellschaft die Übernahme des Standorts und seiner Mitarbeiter durch ein privatwirtschaftliches Unternehmen“, heißt es dazu in der Mitteilung der Fraunhofer Gesellschaft vor weniger als zwei Wochen. Das Angebot des Standorts Braunschweig wäre auf „großes Interesse zahlreicher Biotech-Unternehmen“ gestoßen, heißt es weiter.

Die neue Eigentümerin bringe nun „frische Perspektiven und Ressourcen“ mit, doch diese Käuferin, die AveThera GmbH aus Hennigsdorf bei Berlin, ist selbst noch ein ziemliches Küken im vorösterlichen Treiben der Biotechnologieszene in Deutschland. Gerade erst im September 2025 war ihre Firmierung als ein Start-up, das sich auf Dienstleistungen im Bereich der Biopharmazeutika (CDMO – Contract Development and Manufacturing Organization) spezialisiert habe offiziell beim Amtsgericht Neuruppin registriert worden. Und nun schon auf Augenhöhe mit der großen Fraunhofer Gesellschaft in der Verhandlung einer Übernahme eines GMP-Standortes und den dort beschäftigten über 30 Mitarbeitern?

Viel Worte und wenig Fakten

Avethera verfolge das Ziel, differenzierte Biologika zu entwickeln, herzustellen und international zu vermarkten. Hierfür investiert das Unternehmen in den Aufbau moderner Produktionsanlagen für biologische Wirkstoffe und Arzneimittel sowie in Labore für Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung am Standort Hennigsdorf, so lautete die Unternehmensbeschreibung für den Unternehmensstart. Doch kaum gestartet im Nordwesten von Berlin, kommt nun schon der neue Standort in Braunschweig hinzu, der diese Infrastrukturplanungen gleich um sehr konkrete zusätzliche Kapazitäten in Entwicklung und Produktion ergänzt und erweitert: hier steht schon eine GMP-Produktionsstätte mit der Lizenz zum Durchstarten. Das geht schnell von Start-up zu mittelgroß.

Die junge Gründerin der AveThera GmbH, die aus den USA stammende Fahimeh Mahboudi, hält bereits ein Statement parat, das auch vom Lenker einer traditionsreichen CDMOs stammen könnte, der gerade eine ganz natürliche Erweiterung verkündet: „Die Übernahme dieser Herstellanlage für pharmazeutische Wirkstoffe ist ein wichtiger Schritt für die weitere Entwicklung von Avethera. Wir freuen uns sehr, das hochqualifizierte und motivierte Team der Pharmazeutischen Biotechnologie des Fraunhofer ITEM in unserer noch jungen Avethera-Familie begrüßen zu dürfen und gemeinsam die Zukunft des Standorts erfolgreich weiterzuentwickeln“, kommentierte Mahboudi.

Strippenzieher im Hintergrund

An dieser Stelle sollte das Fernglas auf die weiteren Beteiligten an dieser Standortveräußerung schwenken und heranzoomen, wer das alles eingefädelt hat. Der Blick landet schnell bei Andreas Herrmann, der mit einer in Weil am Rhein angesiedelten Beratungsgesellschaft (LEVA Sciences) mandatiert wurde, diesen Standortübergang für Avethera zu koordinieren.

Im Kontakt mit |transkript.de erläutert er die Logik und bringt etwas Licht in den Hintergrund des Start-ups: „Die Übernahme ermöglicht Avethera aufgrund der langen Erfahrung des Fraunhofer ITEMs einen ‚Jumpstart‘ in die GMP-Herstellung von eigenen Produkten. Auch wenn Avethera ein junges Unternehmen ist, ist es mit der UGA Biopharma ebenfalls in Henningsdorf assoziert. UGA ist dabei seit vielen Jahren für die Zelllinien- und frühe Prozessentwicklung bekannt und bildet somit den Forschungsarm für den Standort in Braunschweig und den sich zur Zeit im Aufbau befindenden neuen GMP-Standort der Avethera in Henningsdorf.“ Damit gebe es einen doch langen Track Record in der Zelllinien- und frühen Prozessentwicklung durch die UGA. Produkte, die mit von der UGA entwickelten Zelllinien hergestellt werden, seien bereits von anderen Unternehmen (Kunden der UGA) erfolgreich auf den Markt gebracht worden.

Näheres zu ihrer Strategie ergänzte CEO Mahboudi auch persönlich gegenüber |transkript.de: „Avethera ist ein Biotechnologie-Start-up mit dem Ziel, differenzierte Biologika für Europa und den Weltmarkt zu entwickeln und herzustellen. Mit der Übernahme sichern wir uns wichtige Entwicklungs- und Produktionskapazitäten, die es uns ermöglichen, unsere Aktivitäten an zwei Standorten zu skalieren: Hennigsdorf und Braunschweig. Es handelt sich dabei um einen strategischen Erwerb von Vermögenswerten. Der Standort in Braunschweig wird zu einer vollständig integrierten Einrichtung für die Entwicklung und Herstellung von Biologika ausgebaut. Die Wertschöpfungskette reicht dabei von der Zellbank bis hin zum fertigen Produkt in Vials und anderen Darreichungsformen“, so Mahboudi. Auf die naheliegende Frage, woher denn das Geld für die Übernahme, den Ausbau und die weiteren Projekte stamme, antwortete sie: „Die Finanzierung wird aus einer Kombination von Eigenmitteln, institutionellen Fördergeldern und Bankkrediten erfolgen. Damit versteht sich Avethera als vollständig integrierter Hersteller von Biologika und positioniert sich im Wettbewerb mit anderen europäischen Anbietern in diesem Bereich.“

Laut Herrmann ergänzen sich beide Standorte vor allem durch verschiedene Produktionskapazitäten, in Braunschweig derzeit mit 200 Litern (geplant sei dort ein Ausbau auf 1.000L), in Henningsdorf werde die maximale Kapazität bei 3.000 Litern liegen. Avethera werde dabei schwerpunktmäßig nicht auf dem CDMO-Markt tätig werden, sondern die eigene Produktpipeline für die klinischen Phasen und die Marktversorgung entwickeln. Dabei liegt der Fokus auf der Entwicklung von eigenen Biosimilars, die in der EU zugelassen werden sollen. Damit schaffe Avethera die Voraussetzungen für einen beschleunigten Marktzugang mehrerer Biologika-Produkte innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre mit dem Ziel, Patienten in Deutschland, Europa und weltweit mit innovativen Therapien zu versorgen.

Schaut man sich Andreas Herrmanns Biografie an, bekommt man ein Gefühl dafür, dass hier keine Wolkenkuckucksheime gebaut und Luft in bunten Tüten verkauft werden soll.  Seit über zwei Jahrzehnten ist er mit dem Aufbau von immer neuen Unternehmen unterwegs und zeichnet für den erfolgreichen Aufbau von Celonic in Jülich und Basel (und später auch in Heidelberg) im Bereich der Spezial-CDMOs ebenso verantwortlich wie für die isländische Alvotech, die bereits frühzeitig als europäischer Biosimilar-Entwickler einen Fuß in die Tür der erfolgversprechenden Nachahmer-Biologika bekommen hat. Vielleicht ist es nun eine Mischung aus beiden Geschäftsmodellen, die die Grundlage für die mit einem Turbostart beginnende Avethera bilden soll.

Wacklige Finanzierungslage – Fraunhofer unter Druck

Für Fraunhofer selbst ist die Abgabe des Standortes wohl auch dem Druck geschuldet, der auf der Zentrale der Forschungsgesellschaft lastet, die Finanzen in den Griff zu bekommen. So meldet sich sogar selbst der Präsident bei dieser Übernahme zu Wort und betont: „Die Überführung des Standorts Braunschweig des Fraunhofer ITEM in die AveThera GmbH stellt einen gelungenen Transfer von fachlicher Kompetenz in die Industrie dar. Durch die große Industrienähe und das stark unternehmerisch geprägte Geschäftsmodell der Einheit in Braunschweig, ist die Übernahme durch ein privatwirtschaftliches Unternehmen nicht nur logisch, sondern wird auch dazu führen, dass der Standort sein innovatives Potenzial voll entfalten kann“, so Prof. Holger Hanselka, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Apropos Standort Braunschweig: Auch das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI, in dessen Räumlichkeiten auf dem Braunschweiger Forschungscampus Süd das bisherige ITEM angesiedelt war, begrüßt den Erhalt der GMP-Produktion am Standort Braunschweig. Dies stärke die Innovationskraft des Forschungscampus und seine weitere Entwicklung.

Für die ehemaligen rund 34 ITEM-Mitarbeiter ist mit der Standortübergabe erst einmal alles beim Alten geblieben und dürfte sich trotzdem etwas neu anfühlen. Ob der Schritt in das echte Leben des Wettbewerbes mit anderen industriellen Unternehmen gelingt, hängt von vielen Rahmenbedingungen, aber auch der richtigen Auswahl der gewählten Biosimilar-Projekte für die eigene Positionierung im Markt ab. Hierbei kann hoffentlich weiterhin auf die große Erfahrung vom Mann im Hintergrund zurückgegriffen werden.

Die Änderung der Guidelines zur Entwicklung der Biosimilars sowohl in der EU als auch in den USA, bietet jetzt die Möglichkeit, Biosimilars ohne die bisher erforderliche Phase III auf den Markt zu bringen. Dies eröffnet ein Fenster, sowohl wesentlich kostengünstiger als auch schneller mit solchen Produkten auf den Markt zu kommen. Herrmann geht von einem Marktzugang auch für kleinere Unternehmen mit einem Bruchteil des bisherigen Budgets in einer überschaubaren Zeitspanne von 4-5 Jahren aus – vorausgesetzt die Herstellanlagen und Expertisen sind vorhanden.

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