
Organoide: neues Roche-Forschungszentrum in Basel
Tierversuche oder Organoide, das ist immer öfter die Frage und fast schon scheint sie zugunsten der Organoide beantwortet zu sein. Doch für die validen Modellsysteme ist noch Forschung nötig und eben: Validierung. Das wollen auch immer mehr große Pharmafirmen hinbekommen, sei es durch die Übernahme entsprechender Start-ups oder gleich durch ein eigenes Forschungszentrum, so wie Roche gerade eines in Basel eröffnet hat.
Der Pharmakonzern Roche baut seine Forschungsinfrastruktur in der Schweiz weiter aus und setzt dabei gezielt auf neue biologische Modellsysteme. In Basel hat das Unternehmen ein neues Gebäude für das Institute of Human Biology (IHB) eröffnet, das künftig eine zentrale Rolle in der Wirkstoffforschung spielen soll.
Die Einrichtung ist Teil eines umfassenden Investitionsprogramms von rund 1,4 Mrd. CHF in die Standorte Basel und Kaiseraugst. Insgesamt hat Roche in den vergangenen zehn Jahren die gewaltige Summe von rund 41 Mrd. CHF in Forschung und Infrastruktur in der Schweiz investiert und unterstreicht damit die Bedeutung des Standorts im globalen Wettbewerb. Wesentliche Teile dieses großen Investments gingen in die skylineprägenden hohen Pyramidentürme der Architekten Herzog & deMeuron, doch auch Forschungs- und Laborinfrastruktur entstand in dieser Zeit neu.
Institut für Organoid-Forschung
Im Fokus des IHB stehen sogenannte menschliche Modellsysteme, insbesondere Organoide (im Labor gezüchtete Mini-Organe), die zentrale Funktionen menschlicher Gewebe nachbilden. Ergänzt werden diese durch „Organ-on-Chip“-Technologien und computergestützte Modelle. Ziel ist es, Krankheitsprozesse realitätsnäher zu simulieren und die Wirkung neuer Therapien frühzeitig besser vorhersagen zu können. Dabei soll auf Tierexperimente verzichtet werden, die einerseits von der FDA und anderen Regulierungsbehörden nicht mehr als fundamental angesehen werden, um in dem Umfang wie validierte Organoid-Modelle die vergleichbare Analyse zur Situation im Menschen zu ermöglichen. Andererseits kann man damit auch elegant die immer wieder aufbrandende Diskussion um die weiterhin relativ hohen Zahlen an in der medizinischen Forschung verbrauchten Labortieren umschiffen.
Durch die Kombination solcher Systeme mit datengetriebenen Ansätzen will Roche die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen und effizienter gestalten. Bis zu 250 Wissenschaftler sollen in dem neuen Forschungsgebäude arbeiten, das auf interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung und industrieller Entwicklung setzt.
Innovation aus Akademie und Start-ups
Mit dem Ausbau des IHB setzt Roche auf einen Trend, der in der Branche zunehmend an Bedeutung gewinnt: Organoide und verwandte Technologien könnten langfristig die Erfolgsquote in der klinischen Entwicklung verbessern, aber auch helfen, die Kosten zu reduzieren, beispielsweise durch eine Reduktion der Fehlschläge in späteren Entwicklungsphasen.
Die Partnerinstitute des Roche-Forschungszentrums sind derzeit hauptsächlich akademische Einrichtungen aus der Schweiz. Es wird nun interessant sein zu beobachten, wie sich dieses Feld der Forschungspartner erweitert. Werden auch die vielen Start-ups einen Anknüpfungspunkt erhalten, die in Europa bereits seit langem mit eigenen Organoid- und Lab-on-Chip-Modellsystemen unterwegs sind, bisher jedoch bei den Pharma-Firmen oft auf eine eher abwartende Haltung getroffen sind? Selbst die neue Richtung der FDA erntet nicht einhellige Zustimmung in Wissenschaftskreisen oder der Industrie. Im direkten Gespräch äußert manch einer recht überraschend eine fundamentale Haltung und Ablehnung nach dem Motto, das wäre nur „neumodisches Zeug. Tierversuche wird man immer brauchen“. Mehr Forschung auf diesem Gebiet, eine entsprechende Unterstützung durch die großen Unternehmen sowie entsprechende Förderprogramme könnte dies ändern.

Raphael Alu für Basel Area Business and Innovation
Molecular Partners AG
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