Tubulis GmbH

Tubulis: Am Ende des Weges in Akquisition durch Gilead

Da halfen alle Beteuerungen und Wunschvorstellungen nicht, man wolle ein eigenständiges pharmazeutisches Unternehmen bleiben und die Pipeline kräftig voranbringen mit immer mehr Geld, das in den vergangenen Jahren in die Martinsrieder Tubulis geflossen ist. Die gut 500 Mio. US-Dollar an externem Kapital wollen dann eben auch mit einem schönen Multiple von diesen Investoren zurückverdient werden. And so the story goes, auch bei Tubulis ist nach Ostern die Zeit für den Exit gekommen: Gilead will sich die ADC-Kompetenz insgesamt bis zu 5 Mrd. US-Dollar kosten lassen.

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Diesmal lagen die Experten von Goldman Sachs goldrichtig mit ihrer Einschätzung, dass unter den großen Pharmafirmen vor allem Gilead einen kräftigen Nachholbedarf habe, um die drohenden Patentabläufe und damit Milliarden an Umsatzverlusten auszugleichen.

Mit der nun schon dritten milliardengroßen Übernahme reiht Gilead diesmal die Tubulis (München/Martinsried) auf seine Perlenkette der Neuzukäufe ein. Die Experten für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate  – und insbesondere die technisch anspruchsvolle Verknüpfung des geeigneten Toxins mit dem Antikörper – wurden bei dem Angebot von 3,15 Mrd. US-Dollar sofort bar auf die Hand und möglichen weiteren 1,85 Mrd. US-Dollar bei weiteren Entwicklungsmeilensteinen  nun doch schwach und konnten wohl auch auf Druck der Investoren nicht Nein sagen (*). Noch im Oktober hatte es bei einer rekordhohen Serie C-Finanzierung auch gegenüber |transkript geheißen, dass man die eigene Pipeline über die Ziellinie bringen wolle.

Gilead wolle mit der Akquisition von Tubulis das „volle Potenzial seiner differenzierten ADC-Konjugationsplattformen innerhalb einer Organisation realisieren, die fundierte wissenschaftliche Expertise, globale Entwicklungskapazitäten und die nötigen Ressourcen in sich vereint, um Innovationen in bahnbrechende Arzneimittel für Krebspatienten weltweit umzusetzen“, heißt es in der aktuellen Unternehmensmeldung.

Forschungskompetenz rings um das Anhängen eines Toxins an den Antikörper

Nach Abschluss der Vereinbarung wird Tubulis als eigenständige ADC-Forschungs- und Entwicklungsorganisation innerhalb von Gilead tätig sein. Der Standort in München wird als ADC-Innovationshub dienen und hierbei auf seinen integrierten Entwicklungs-, Herstellungs- und klinischen Kapazitäten aufbauen, um ADCs der nächsten Generation voranzutreiben. Die Übernahme stellt eine bedeutende Validierung von Tubulis wachsendem ADC-Portfolio und seiner firmeneigenen P5-, Tubutecan- und Alco5-Plattformen dar und unterstreicht deren Potenzial, die Grenzen des biisher bekannten ADC-Designs zu erweitern.

Erst im Januar hatten die Tubulis-Wissenschaftler die neueste Entwicklung rings um ihre Verlinkungsplattform im Journal Nature publizieren können. Tubulis hatte das Alco5-Linkersystem entwickelt, um das Payload-Spektrum über die drei derzeit in zugelassenen ADCs verwendeten Wirkmechanismen (mode of action, MOAs) hinaus zu erweitern. Diese MOAs umfassen Tubulin-Inhibition, Topoisomerase-I-Inhibition und DNA-Schädigungs-Induktion. Das neue chemische Alco5-Konzept hat das Potenzial, neue therapeutische Wege in der Krebsbehandlung zu eröffnen und der zunehmenden Resistenzentwicklung gegenüber aktuell zugelassenen ADCs entgegenzuwirken.

Die publizierten Ergebnisse beinhalten den ersten Nachweis für eine erfolgreiche Anwendung von zehn bisher nicht nutzbaren MOAs (beispielsweise Nukleosidanaloga oder Elongationsfaktor-Inhibitoren) im Kontext von ADCs. Die Alco5-konjugierten Wirkstoffe zeigten in vitro und in vivo eine starke und selektive Antitumorwirkung und unterstrichen damit das Potenzial der Technologie, das therapeutische Fenster von hydroxyhaltigen Wirkstoffen zu erweitern, indem diese nach einer einzigen Verabreichung über einen langen Zeitraum stabil und dauerhaft an den Tumor abgegeben werden. Möglich, dass die Publikation mit dem Titel „Expanding the payload scope in antibody-drug conjugates by delivery of hydroxy-containing drugs through self-immolative phosphoramidates“ (Näheres hier) damit auch ein wesentliches Argument für die Übernahme gewesen ist.

Standort soll ADC-Kompetenzzentrum bleiben

Wenn sich dieser Standort länger hält als manche Presseankündigung, die man derzeit aus den USA gewohnt ist, kann sich in München tatsächlich ein neues Zentrum der ergänzenden Technologieplattformen rings um Antikörper entwickeln. Denn auch die japanische Daiichi Sankyo plant und baut ein ADC-Innovationszentrum in der Region geplant. Daneben hat der Radiopharmaspezialist ITM im Münchner Norden seinen Hauptsitz, der Peptide als Träger der ortsgebundenen Strahlung (Anknüpfen von Isotopen) einsetzt. Auch dort flossen bereits hohe Summen an externen Finanzmitteln ins Unternehmen, ein Ausverkauf wird in der Branche als äußerst wahrscheinlich angesehen. Kommen durch den Verkauf größere Pharma-Akteure nach Bayern, könnte dies sogar als Erfolg der jahrzehntelangen Strategie des Freistaates bewertet werden, mit der Förderung der Biotechnologie zu einem Pharmastandort zu werden. Zumindest dann eben durch die Ansiedlung der internationalen Branchenvertreter.

Immerhin waren deutsche Investoren mit dem HTGF und Bayern Kapital den langen Weg von Anfang bis zum Ende mitgegangen. Ein weiterer Nutznießer des Deals ist die Hamburger Firma Evotec, die dem Vernehmen nach als Kooperationspartner und strategischer Investor mit etwa 3,7% Firmenanteilen von Tubulis aus der Übernahme sofort rund 100 Mio. US-Dollar erhalten soll und gegebenenfalls auch noch aus den Meilensteinpaketen später einige weitere Millionen erhalten könnte. Dass keine deutsche Pharmafirma einstieg und an dem munteren Geldregen partizipiert, ist wohl eine andere Geschichte.

* In einigen weiteren Berichten und Kommentaren zu diesem Verkaufsdeal sprechen wir von einer „Verzehnfachung“ des eingesetzten Geldes durch den hohen Betrag der endgültigen 5 Mrd. US-Dollar. Das ist nur eine sehr grob vereinfachte Hochrechnung, denn erstens sind realistisch nur die wirklich gezahlten Gelder zu werten und zudem das über die Jahre eingezahlte Geld abzuziehen. Damit bleiben rund 2,5 Mrd. US-Dollar in der Rechnung stehen, die sich nach dem Zeitpunkt des Einstieges und der Liquidationspräferenz an die Investoren und Gründer aufteilen. Die allerwenigsten davon werden ein „10 fach“ in der Endabrechnung stehen haben, realistischer ist nach Experteneinschätzung etwas zwischen dem 2-5-fachen an Wertsteigerung des Investments. Ein IRR (internal rate of return) von 3 sei „ein fantastischer Wert“ des Multiple of Money (MoM), ließ uns ein nicht involvierter Investor wissen.

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