Antibiotikaresistenzen – der Kampf dagegen nimmt Fahrt auf

Die Keynotes der zweitägigen AMR-Konferenz Anfang April in Basel machten zwar deutlich, dass noch immer viel zu wenig Geld – staatlich oder privat – in die Entwicklung neuer Antibiotika fließt. Doch im Verlauf der von der BIOCOM AG gemeinsam mit der BEAM Alliance organisierten Konferenz wuchs der Optimismus. Von institutionellen Investoren, der EU-Vertreterin und auch im Pausengespräch wurden einige aktuelle oder angekündigte Finanzierungsnachrichten sehr positiv bewertet. Geht da doch etwas?

ANZEIGE

Passend zur Konferenzwoche hatte der AMR Action Fund seine allerersten Investments bekanntgegeben. Diese neu in Basel angesiedelte Organisation wurde initiiert durch die International Federation of Pharmaceutical Manufacturers and Associations (IFPMA), und wird von der WHO, der Europäischen Investitionsbank (EIB) und dem Wellcome Trust unterstützt. Das ausgegebene Ziel ist es, bis 2030 „zwei bis vier neue Antibiotika auf den Markt zu bringen“. Martin Heidecker, Investmentchef des AMR Action Fund, begründete in der Eröffnungsdiskussionsrunde (Foto) der AMR-Konferenz, warum die ersten Investitionen nun in den USA getätigt wurden: „Dort ist einfach derzeit die Pipeline schon fortgeschrittener."

Die Vertreter der EU-Kommission oder der Initiative CarbX spürten, dass von ihnen Aussagen über neue Förderprogramme erwartet wurden, hielten sich mit konkreten Zusagen jedoch zurück. Eher werde von EU-Seite an einem Belohnungs- und Bestrafungssystem gearbeitet, meinte Alexandra Opalska (Politische Referentin bei der Europäischen Kommission in der Generaldirektion für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit), die zudem betonte, dass alle Forderungen der Industrie sehr wohl angekommen seien, und die Industrieverbände „einen guten Job“ gemacht hätten. Die Belohnung könne dabei auch eine Extraportion Marktschutz für Antibiotika sein, und andererseits könnten Pharmaunternehmen, die keinerlei Anstrengung zur Entwicklung neuer Wirkstoffe dieser Klasse unternehmen, auch "bestraft" werden. Was wie in der Schule wirken mag, scheint im über Jahre von der Industrie völlig vernachlässigten Gebiet der Antibiotika eine Art „letzter Versuch“ zu sein, die Industrie zu mehr Engagement zu bewegen. Um aber auch konkreter positiv auf den Markt einzuwirken, wird derzeit ein so genannter Pull-Mechanismus diskutiert, der in Großbritannien aktuell bereits Gestalt annimmt. Das dortige National Institute for Health and Care Excellence (NICE) hat in dieser Woche einen Entwurf für Leitlinien veröffentlicht, wonach das Vereinigte Königreich für den Zugang zu Zavicefta (Ceftazidim/Avibactam) von Pfizer und Fetroja (Cefiderocol) von Shionogi eine Festgebühr von bis zu 10 Mio. Pfund (12 Mio. Euro) pro Jahr zahlen könnte, unabhängig davon, wie viel tatsächlich verschrieben wird. Dieses an den TV-Streamingdienst angelehnte „Netflix-Modell“ wird derzeit von allen Seiten präferiert.

In der aktuellen Lage muss man jedoch der Tatsache ins Auge schauen, dass die großen Pharmaplayer sehr zögerlich ins Antibiotikafeld zurückkehren. Die Schweizer Roche hatte beispielsweise zwar 2015 einige Schritte zurück in Kooperationen gewagt, war damit aber nicht sehr erfolgreich. Nun füllt sich die eigene Pipeline recht langsam und derzeit sind ganze zwei Wirkstoffe in der frühen klinischen Entwicklung. Auch ein Grund, warum Roche den AMR Action Fund unterstützt, der mit der aktuellen Investition in Venatorx auf deren Projekte in Phase III zielt.

Aus Deutschland hatte sich unter anderen Thüringen mit seinem Infektionsforschungsschwerpunkt aus Jena – Infectognostics – stark in das Konferenzprogramm mit einigen Referenten eingebracht. Das Dilemma des fehlenden Geschäftsmodells für Antibiotika in der augenblicklichen Situation schimmerte dabei auch in deren Vorträgen durch. Dass die Antibiotikakrise aber bald massiv in den Fokus der Öffentlichkeit rücken könnte, machten Referenten beim Thema Gonorrhoe (Tripper) deutlich: diese weltweit häufigste sexuell übertragbare Erkrankung wird durch eine Infektion mit dem Bakterium Neisseria gonorrhoeae (Gonokokken) ausgelöst. Es gäbe derzeit nur noch ein einziges (!) Antibiotikum, gegen das Neisseria nicht resistent ist, eine Krise mit Ansage. Alleine in den USA infizieren sich pro Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen mit Neisserien. Passend dazu wurde auf der AMR-Konferenz das Start-up LimmaTech Biologics durch die Teilnehmer als Sieger des Vossius-Incate-Preises ausgewählt, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Das Unternehmen aus Großbritannien will neue Behandlungsmethoden gegen Neisserien entwickeln. Als weitere Teilnehmer des AMR Conference Pitch hatten zur Auswahl gestanden: Invitris, Amprologix, selmod, Adjutec, Myxobiotics, smartbax, Sefunda, HHV Biotech und Arivin.

Schweiz gibt Geld für Horizon-Programm frei

Der Schweizer Bundesrat hat Ende vergangener Woche 650 Mio. Franken für Ausschreibungen im Horizon Europe-Förderprogramm freigegeben. Da die Schweiz als nicht assoziierter Drittstaat gilt, wären Schweizer Wissenschaftler und Unternehmen ohne die Förderung von zwei Dritteln der Ausschreibungen des von 2021 bis 2027 laufenden EU-Programms ausgeschlossen.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter