Bayern setzt Schwerpunkt auf Herzerkrankungen

Heute hat der bayerische Gesundheitsminister gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung den ersten „Bayerischen Herzinfarkt-Bericht“ vorgestellt. Außerdem gibt es erste Zwischenergebnisse der Pilotstudie „Vroni“ zur genetischen Untersuchung und Früherkennung der Familiären Hypercholesterinämie. Fast 1% der getesteten Kinder zeigte einen genetischen Risikomarker, der das Erkrankungsrisiko um den Faktor 5 bis 20 erhöht.

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Die Zahl der Menschen, die in Bayern an den Folgen eines Herzinfarktes sterben, geht seit vielen Jahren zurück. Gab es 1980 rund 12.400 Herzinfarkt-Tote bei den Über-40-Jährigen, waren es 2020 noch 6400. Das geht aus dem Bericht "Herzinfarkte in Bayern" hervor, den Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) am Donnerstag vorlegte. Jedoch: Auch wenn aufgrund des medizinischen Fortschritts, gesundheitsbewussteren Lebens, des Ausbaus des Rettungswesens und aufgrund von Präventionsmaßnahmen die Zahl der Herzinfarkt-Sterbefälle in Bayern seit Jahren rückläufig sei, blieben Herz-Kreislauf-Erkrankungen "die Todesursache Nummer 1", so der Minister.

Die Deutsche Herzstiftung wies darauf hin, dass deutschlandweit im vergangenen Jahr rund 44.000 Personen mit einem Herzinfarkt verstorben seien. Holetschek nannte für den gesamten Krankheitskreis der Herz-Kreislauf-Erkrankungen alleine für Bayern rund 50.000 Todesfälle. Bisher kranken die Erhebungen noch an einer mangelnden Datengrundlage, dabei soll der erste Bericht und folgende Abhilfe schaffen. Doch derzeit kann nur aus der DEGS1-Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) für ganz Deutschland auf die Situation in Bayern umgerechnet werden. Ebenso liefert das Augsburger KORA-Herzinfarktregister nur Daten für die Augsburger Region mit einer Gesamtbevölkerung von rund 700.000 Personen, die dann ebenfalls auf Gesamtbayern hochgerechnet wurden.

Minister Holetschek geht es um die bessere Wahrnehmung von Präventionsangeboten. So konnte die Herzstiftung eine mit bayerischen Fördergeldern im DigiMed Bayern-Programm aktualisierte Version der „HerzFit App“ entwickeln, die animieren soll, die Krankheit ernster zu nehmen, Warnsignale zu erkennen und einen gesünderen Lebenswandel zu pflegen. In dem Förderprogramm, das sich um neue Ansätze der Personalisierten Medizin gegen Herzerkrankungen dreht, wurde auch ein Schwerpunkt auf genetische Risikofaktoren für Herzerkrankungen gelegt, die frühzeitig im Kindesalter erkannt, Behandlungsoptionen ermöglichen, die den überraschenden Tod im mittleren Alter vermeiden helfen. Die ersten Zwischenergebnisse der entsprechenden Pilotstudie „Vroni“ sind alarmierend.

Bei fast 1% der bisher getesteten 8.100 Kinder wurde ein vererbtes Risiko auf  FH (familiäre Hypercholesterinämie) festgestellt, eine angeborene Fettstoffwechselstörung, die das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen um den Faktor 5 bis 20 erhöht. Bei gut 80 untersuchten Kinder in Bayern zeigte das Screeningprogramm angeborene Genmutationen, die mit einem hohen Risiko für Herzinfarkte schon in jungen Jahren einhergehen. Frühzeitig diagnostizierte junge Patienten können an einem speziellen Schulungs- und Behandlungsprogramm teilnehmen, das ihnen eine normale Lebenserwartung ermöglicht. Da eine Vererbung der Risikomutationen der Hintergrund ist, konnte man mit dem positiven Kinder-Screening auch in deren Verwandtschaft gefährdete Personen entdecken. Mit der gesicherten Diagnose FH können die Familien gemeinsam auf cholesterinarme Ernährung achten und Träger des FH-Gens medikamentös behandelt werden.

Prof. Heribert Schunkert, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums München und Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen, sagte dazu: „Wir sind sehr glücklich, dass wir mit der Vroni-Studie die erblich bedingte Cholesterinstoffwechselstörung FH wirksam identifizieren können. Bei fast 1% der untersuchten Kinder in Bayern zeigte das Screening-Programm angeborene Genmutationen, die mit einem hohen Risiko für Herzinfarkte schon in jungen Jahren einhergehen.“ Schunkert schloss jedoch eine statistische Überbetonung der Fälle nicht aus, da sich zu der Studie vermehrt Kinder gemeldet haben könnten, die aus der Familiengeschichte auf Herzerkrankungen sensibilisiert sind. Im Nachbarland Holland sei ein flächendeckendes Screening der Kinder üblich und eine etwa halb so hohe Prävalenz gegeben (1 Kind unter 250 Kindern), was jedoch im Übertrag auf Bayern oder Deutschland immer noch zu einer hohen Fallzahl in der Gesamtbevölkerung führen würde. Derzeit gäbe es aber neben dem bayernweiten Pilotprojekt nur vereinzelt lokale Ansätze zu ähnlichen Risikoscreenings in Norddeutschland.

Im Rahmen der Studie wurden zudem bei bisher insgesamt 621 Kindern erhöhte Werte des LDL-Cholesterins (über 130 mg/dl) gemessen, die gesundheitlich bedenklich sind. Bei einem Großteil der kleinen Patienten (545) haben diese jedoch keine mit dem jetzigen Stand der Wissenschaft erkennbaren genetischen Ursachen. Dennoch kann aufgrund der Untersuchungsergebnisse eine Beratung zu gesünderer Lebensweise oder medizinische Behandlung eingeleitet werden.

Ziel der "VRONI"-Studie ist es, insgesamt 50.000 Kinder in Bayern zu testen. Eine genetische Untersuchung wird nur durchgeführt, wenn das LDL-Cholesterin stark erhöht ist.

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