
Der Erfolg von Pharvaris freut Brain Biotech
Aus den Niederlanden meldet Pharvaris positive Phase III-Daten zu Deucrictibant, einer oralen Bedarfsbehandlung für HAE-Attacken. Die Zulassung wird 2026 angestrebt, der Wirkstoff und die verschachtelte Entwicklungs- und Lizenzrechtegeschichte weisen auf Wurzeln in der Berliner Region.
Die niederländische Pharvaris B.V. hat vielversprechende Topline-Daten aus der pivotalen Phase III-Studie RAPIDe-3 vorgestellt, die einige Wurzelverzweigungen nach Deutschland aufweist. Die Ergebnisse bestätigen das Potential von Deucrictibant als erste orale Bedarfsmedikation für Attacken des hereditären Angioödems (HAE). In der globalen, placebokontrollierten Studie mit 134 Teilnehmern aus 24 Ländern erreichte der Bradykinin-B2-Rezeptorantagonist sowohl den primären Endpunkt als auch alle sekundären Wirksamkeitsendpunkte. Bisher wird in dieser Indikation der bereits 2008 zugelassene Bradykinin-B2-Rezeptorantagonist Icatibant als Injektion verabreicht. Das 2021 zugelassene orale Berotralstat (Handelsname: Orladeyo der irischen BioCryst Pharma) zielt nicht direkt auf den Bradykininrezeptor, sondern auf eine Serinprotease, die für die Bildung des Peptides Bradykinin wichtig ist.
Icatibant ist das ursprünglich vom Berliner Biotech-Unternehmen Jerini als Firazyr entwickelte und durch die Zulassung gebrachte Aminosäureanalogon, das dem Hormon Bradykinin ähnelt. Durch den Verkauf von Jerini für rund 350 Mio. Euro an die britische Shire Pharma wechselte der Wirkstoff den Besitzer, die Mannschaft von Jerini verstreute sich in alle Himmelsrichtungen und einer davon, der Hoechst-Veteran Dr. Stefan Knolle (im Foto in der Mitte), blieb mit der Gründung von Pharvaris im holländischen Leiden der Indikation HAE treu. Für die in Europa rund 10.000 – 50.000 Betroffenen sollte jedoch eine Lösung gefunden werden, die ohne Injektion und rascher wirksam gegen die lebensbedrohlichen Schwellungen helfen könnte. Weltweit wird etwa 1 HAE-Betroffener unter 50.000 Gesunden geschätzt. Selten, aber global doch nicht so ganz selten. Pharvaris fand einen aussichtsreichen Wirkstoff erneut in der Region Berlin, diesmal bei den Wirkstoffentwicklern von Analyticon. Über eine Kooperation sicherte sich Pharvaris die Entwicklungsrechte, die in der vielverschachtelten Biotech-Welt mittlerweile auch die hessische Brain Biotech involvierte, deren eigentliches Steckenpferd die industrielle Biotechnologie und die Herstellung von Enzymen ist. Icatibant ist mittlerweile aus dem Patentschutz heraus und wird als Generikum vertrieben.
Klinische Daten lassen die Zulassung wahrscheinlicher werden
Zurück zu Deucrictibant und den positiven klinischen Daten. Die orale Abgabe zeigte einen schnellen Wirkungseintritt: Erste Symptomlinderung trat nach median 1,28 Stunden ein – deutlich schneller als unter Placebo. Die Progression der Attacken stoppte im Median nach nur 17,47 Minuten. Auch die vollständige Symptomauflösung wurde erheblich früher erreicht. Die Wirksamkeit erwies sich über alle HAE-Subtypen, Schweregrade und Körperregionen hinweg als konsistent. 83% der Attacken konnten mit einer einzigen Kapsel behandelt werden; nur selten war eine Notfallmedikation nötig.
Das Sicherheitsprofil bestätigte die bisherige Datenlage: Es traten keine therapiebedingten schwerwiegenden Nebenwirkungen auf, und kein Patient musste die Behandlung abbrechen. Damit untermauern die Ergebnisse den Anspruch, eine wirksame und gleichzeitig unkompliziert oral verfügbare Therapieoption für akute Attacken zu bieten. Pharvaris plant, auf Basis dieser Daten im ersten Halbjahr 2026 Zulassungsanträge für Deucrictibant einzureichen. Parallel läuft bereits die Phase III-Studie CHAPTER-3, die die verlängerte Freisetzung als prophylaktische Therapie untersucht, mit dem potentiellen Ziel, erstmals eine orale Behandlung sowohl zur Akut- als auch zur Langzeittherapie von bradykininvermittelten Angioödemen verfügbar zu machen.
Stefan Knolle ist mittlerweile Mitglied des Verwaltungsrates von Pharvaris und verfolgte von dort aus, dass sich Brain Biotech bei einer strategischen Neuorientierung im vergangenen Jahr die Entwicklungspipeline der mittlerweile zur Unternehmensgurppe gehörenden Analyticon (eingegliedert als Geschäftseinheit BioInkubator) genauer angesehen hatte. Dabei war man zu der Überzeugung gelangt, dass Pharvaris die Wirkstoffentwicklung des auslizenzierten Deucrictibant alleine weiterführen sollte, man sich aber mögliche Meilensteine für Entwicklungsfortschritte oder gar eine Zulassung jetzt schon vergolden lassen könnte, wenn man diese Zukunftshoffnung veräußern würde. Als Käufer solcher zukünftiger Royalties (Lizenzgebühren) trat die weltweit führende Royalty Pharma auf. Sie zahlte Brain direkt upfront rund 18 Mio. Euro, beim Start der Phase III wohl nochmals einen zweistelligen Millionenbetrag und muss nun noch für rund 90 Mio. Euro gerade stehen, wenn tatsächlich die Zulassung und bestimmte Umsatzschwellen erreicht werden.
Der Deal zwischen Brain und Royalty im Gesamtvolumen von rund 129 Mio. Euro hat damit die Verbindungen von Brain/Analyticon zu Pharvaris nicht restlos gekappt, ein kräftiger Nachschlag ist dort immer noch möglich. Der damalige Jerini-CEO, Prof. Dr. Jens Schneider-Mergener, hatte beim Verkauf an Shire (das später seinerseits von Takeda aufgekauft wurde) schon vorhergesagt, dass aus dem „Kollegenkreis weitere Unternehmer und Unternehmen hervorgehen werden“, womit er recht behalten sollte. Dass sich diese Verbindung bis in niederländische Leiden und von dort an die US-Börse Nasdaq (wo Pharvaris notiert ist) und die Schweizer Steueroase Zug verästeln (wo die Niederländer ihren formalen Hauptsitz führen), und sich alles immer noch um HAE dreht, war vielleicht nicht so deutlich vorherzusehen.


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