
Aicuris: Exit nach 20 Jahren
Übernahme in Wuppertal: Die auf Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten spezialisierte Aicuris Anti-Infective Cures AG geht für fast 800 Mio. Euro (rund 920 Mio. US-Dollar) an die japanische Pharmafirma Asahi Kasei. Das mit Substanzen von Bayer durch die ehemalige Mitarbeiterin Helga Rübsamen-Schaeff gegründete Unternehmen hatte eine eigene Zulassung bewerkstelligt und befindet sich mit Wirkstoffen in der späten klinischen Entwicklung, die aktuell mit positiven Daten auf wissenschaftlichen Konferenzen aufwarten.
Rund 20 Jahre nach seiner Gründung steht das Wuppertaler Biotech-Unternehmen Aicuris Anti-infective Cures AG vor dem Exit: Der japanische Technologiekonzern Asahi Kasei übernimmt das auf antivirale Therapien spezialisierte Unternehmen für 780 Mio. Euro in bar.
Die Transaktion soll über die US-Tochter der Japaner, Veloxis Pharmaceuticals, abgewickelt werden. Mit dem Zukauf will Asahi Kasei sein Portfolio im Bereich schwerer Virusinfektionen ausbauen – insbesondere bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, etwa nach Stammzell- oder Organtransplantationen. Der Abschluss der Übernahme wird für das erste Halbjahr 2026 erwartet.
Die Gründerin Prof. Dr. Helga Rübsamen Schaeff kommentierte: „AiCuris, das Unternehmen, das ich vor genau 20 Jahren (am 1. März 2006) gegründet habe, wurde für 780 Mio. Euro an Asahi Kasei verkauft. Herzlichen Glückwunsch an das aktuelle Management-Team zu dieser bemerkenswerten ! Ich bin stolz, dass mit unseren Erfindungen der Medikamente Letermovir und Pritelivir dieser Wert erzielt werden konnte und ich möchte unserem Hauptinvestor Athos sowie FCP Biotech für ihr Vertrauen danken. Ohne ihre Unterstützung und ihre Geduld wäre das nicht möglich gewesen.“
Erfolgreiches Biotech-Unternehmen
Aicuris hat sich seit seiner Ausgründung 2006 als Spezialist für antivirale Therapien bei immungeschwächten Menschen positioniert. Das bislang sichtbarste Produkt ist PREVYMIS® zur Prävention von Cytomegalievirus-Infektionen bei bestimmten Transplantationspatienten, das vom Partner MSD vermarktet wird.
In der späten klinischen Entwicklung befindet sich zudem Pritelivir zur Behandlung refraktärer Herpes-simplex-Virus-Infektionen bei immunkompromittierten Patienten, etwa HIV-Patienten. Der Wirkstoff erreichte in einer globalen Phase III-Studie kürzlich den primären Endpunkt und zeigte eine statistische Überlegenheit gegenüber der Vergleichstherapie. Mit AIC468 verfügt das Unternehmen darüber hinaus über einen Phase II-fähigen Kandidaten gegen BK-Virus-Reaktivierungen bei Nierentransplantierten.
Dies ist nicht das Ende …
Aicuris-CEO Larry Edwards sieht in der Übernahme eine strategische Beschleunigung: „Das Ziel von Asahi Kasei, schwerwiegende ungedeckte medizinische Bedarfe im Bereich Infektionskrankheiten zu adressieren, deckt sich mit unserer Mission, innovative antivirale Therapien für immungeschwächte Patientinnen und Patienten bereitzustellen. Diese Transaktion würdigt die Stärke unserer Forschungs- und Entwicklungsplattform sowie die strategischen Fortschritte, die unser Team mit PREVYMIS®, Pritelivir und AIC468 erzielt hat. Als Teil von Asahi Kasei können wir unsere Forschung und Entwicklung beschleunigen, unsere Markteinführungsvorbereitungen in den USA stärken und unsere Programme weltweit mehr Patienten zugänglich machen. Ich bin unseren Mitarbeitern, Partnern und Investoren sowie den Patienten, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben und damit diesen Erfolg ermöglicht haben, zutiefst dankbar.“
Für Asahi Kasei fügt sich der Zukauf in die Strategie eines integrierten globalen Pharmamodells ein, das Forschung, klinische Entwicklung und Vermarktung über Japan, die USA und Europa hinweg bündelt. Durch die bestehende Präsenz im Transplantations- und Nierenbereich verspricht sich der Konzern Synergien bei der Markteinführung der Pipelineprojekte.
Für den deutschen Biotech-Sektor markiert die Transaktion einen weiteren prominenten Exit und unterstreicht, dass sich der langfristigerAufbau klinischer Programme auch abseits der Onkologie oder der oft im Rampenlicht stehenden Innovations-Hubs auszahlen kann. Zwei Jahrzehnte nach der Gründung wird Aicuris damit Teil eines globalen Healthcare-Konzerns – mit der Perspektive, seine antiviralen Therapien international breiter zu verankern. Ob am Standort Wuppertal größere Änderungen bevorstehen, wurde nicht mitgeteilt.
Das Team der AiCuris Anti-infective Cures AG, Prof. Dr. Helga Rübsamen-Schaeff und ihr Nachfolger in der Geschäftsführung Dr. Holger Zimmermann, erhielten für die Entdeckung und Entwicklung des Wirkstoffs Letermovir den Deutschen Zukunftspreis 2018. Rübsamen-Schaeff kommentiert:“ Letermovir gegen Cytomegalovirus (seit 2017 auf dem Markt) und Pritelivir gegen Herpes machen einen echten Unterschied für die Patienten und wirken durch neuartige Wirkmechanismen. Beide Arzneimittel wurden in unseren Laboren entdeckt. Wir mussten aber, um sie zu entwickeln, erst eine Firma gründen und lernen, wie man ein Medikament klinisch testet und wir haben damit einen Blockbuster geschaffen“, ordnet die Gründerin die lange Unternehmensentwicklung ein. „Wir haben gelernt, dass man Geduld braucht und dass es bei echten Innovationen – eben weil sie neu sind – auch Rückschläge gibt. Mit der Integration in Asahi Kasei können die neuen Wirkprinzipien nun hoffentlich noch schneller zu mehr Patienten gebracht werden“, erklärt Rübsamen-Schaeff gegenüber |transkript.de.

Merck KGaA
Merck KGaA
Bernard Heymann/NIH