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Millionen-Finanzierung für Heidelberger Exciva

Alzheimer bedeutet Gedächtnisverlust für den Betroffenen. Neben diesem sind aber vor allem die Angehörigen und auch das Pflegepersonal betroffen, wenn zum Verlust der kognitiven Fähigkeiten Begleitsymptome wie Unruhe, Aggression, Angst und Depression hinzukommen und die private Pflege unmöglich machen. Nun erhält auch dieser Seitenbereich der Erkrankung durch eine hohe Finanzierungsrunde mehr Sichtbarkeit.

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Wenn über Alzheimer gesprochen wird, geht es meist um eines: den fortschreitenden Verlust von Gedächtnis und kognitiven Fähigkeiten. Doch für Patienten, Angehörige und Pflegepersonal sind es oft ganz andere Symptome, die den Alltag besonders belasten – Unruhe, Aggression, Angst, Schlafstörungen oder Depressionen. Dass diese sogenannten neuropsychiatrischen Begleitsymptome zunehmend in den Fokus der Pharmaindustrie rücken, zeigt nun eine Finanzierungsrunde in beachtlicher Größenordnung.

Das deutsch-französische private Biotech-Unternehmen Exciva GmbH (Heidelberg) hat eine Serie B-Finanzierung über 51 Mio. Euro abgeschlossen, angeführt von Gimv und EQT Life Sciences. Zu den Investoren zählen unter anderem Andera Partners, die die erste Finanzierungsrunde 2021 über 9 Mio. Euro angeführt hatten (damals auch schon beteiligt: LBBW) sowie den neuen Investoren LifeArc Ventures, Fountain Healthcare Partners, Carma Fund und Modi VC. Das Kapital soll vor allem ein Ziel vorantreiben: den Eintritt des Leitprojekts Deraphan in eine Phase II-Studie zur Behandlung von Agitation bei Alzheimer-Patienten.

Agitation: ein unterschätztes Kernproblem

Agitation – also motorische Unruhe, Aggressivität, Reizbarkeit oder emotionale Enthemmung – betrifft Schätzungen zufolge bis zu 60 Prozent aller Alzheimer-Patienten im Krankheitsverlauf. Für Angehörige ist sie häufig der ausschlaggebende Grund, warum eine häusliche Pflege nicht mehr möglich ist. Für Patienten selbst bedeutet sie einen massiven Verlust an Lebensqualität und Würde.

Therapeutisch ist der Bereich bislang schlecht versorgt. In der Praxis kommen oft Antipsychotika oder sedierende Medikamente zum Einsatz – mit begrenzter Wirksamkeit und teils erheblichen Nebenwirkungen, darunter ein erhöhtes Sterberisiko. Genau hier setzt das Interesse der Industrie an: symptomatische Therapien, die sicherer sind und gezielt auf belastende Verhaltenssymptome wirken.

Symptomlinderung als strategischer Ansatz

Der Ansatz von Exciva ist exemplarisch für einen breiteren Trend. Deraphan kombiniert zwei bereits klinisch validierte Wirkstoffe, darunter eine neue chemische Substanz, zu einer Therapie, die auf zentrale neuronale Signalwege wirkt. Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Phase I-Studie soll nun geprüft werden, ob sich Agitation bei Alzheimer-Patienten klinisch relevant reduzieren lässt. Die Phase II-Studie ist international angelegt und soll in Europa, Großbritannien, den USA und Kanada durchgeführt werden.

Während die Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer noch immer ein „Friedhof für Wirkstoffe“ ist und selbst die vor Kurzem zugelassenen ersten Antikörper viele Fragen offen lassen oder sogar von der deutschen Institution IQWiQ einen Mangel an Zusatznutzen attestiert bekommen haben, verspricht der Bereich der Begleitsymptome für Investoren eine bessere Abschätzung der Wirkstoffentwicklung: Zum einen sind solche Programme klinisch weniger riskant als krankheitsmodifizierende Alzheimer-Therapien, die direkt in Amyloid- oder Tau-Pathologien eingreifen. Zum anderen adressieren sie einen klar definierten, bislang unterversorgten Markt, in dem selbst moderate klinische Effekte einen hohen medizinischen und ökonomischen Wert haben können.

Breiteres Interesse an Begleitsymptomen

Agitation ist dabei nur ein Teil des Bildes. Auch Schlafstörungen, Angst, Depressionen, Apathie oder psychotische Symptome gelten zunehmend als eigenständige therapeutische Zielstrukturen. Für Pharmaunternehmen eröffnen sich hier mehrere Vorteile: kürzere Entwicklungszeiten, besser messbare Endpunkte und ein direkter Nutzen für Patienten und Pflegeumfeld.

Zugleich verändert sich der Blick auf Alzheimer insgesamt. Statt ausschließlich den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, rückt stärker in den Fokus, den Alltag erträglicher zu machen – selbst dann, wenn die zugrunde liegende Neurodegeneration nicht aufgehalten werden kann. Für Betroffene könnte das einen spürbaren Unterschied machen. Eine wirksame Behandlung von Agitation kann dazu beitragen, dass Patienten länger zu Hause leben können, Pflegeeinrichtungen entlastet werden und Angehörige weniger psychisch und körperlich belastet sind. In gesundheitsökonomischer Hinsicht wäre das ebenfalls relevant, da neuropsychiatrische Symptome ein wesentlicher Kostentreiber in der Alzheimer-Versorgung sind.

Ein Markt jenseits der großen Durchbrüche

Die Finanzierung von Exciva zeigt, dass Investoren und Pharmaunternehmen Alzheimer nicht mehr nur als „Alles-oder-nichts“-Wette auf den großen krankheitsmodifizierenden Durchbruch betrachten. Stattdessen gewinnt ein pragmatischer Ansatz an Bedeutung: klinisch relevante Symptomlinderung, die messbaren Nutzen bringt – für Patienten, Angehörige und das Gesundheitssystem.

Exciva wurde schon 2016 gegründet, stieß jedoch lange auf kein größeres Interesse für die Alzheimer-Begleitsymptomatik. Durch das neue Deutschland-Büro der französischen Investorengruppe Andera Partners gelang es, für diesen Bereich mehr Aufmerksamkeit zu generieren, was in einer ersten Finanzierung mündete. Durch diesen kleinen Türspalt treten nun in der neuen Finanzierung mit größeren Mitteln und noch mehr Einsatz die neuen Investoren zu Andera Partner hinzu.

Raphaël Wisniewski, Partner bei Andera Partners, kommentierte gegenüber |transkript.de: „Wir waren Gründungsinvestor von Exciva und haben die Seed-Finanzierung sowie maßgeblich die Serie A-Runde 2021 getragen. Teile des Gründungsteams kannten wir bereits aus früheren Projekten, und wir waren sofort vom Ansatz des Unternehmens überzeugt, den bisher nicht adressierten medizinischen Bedarf bei der Behandlung verhaltensbezogener Symptome wie zum Beispiel Unruhezuständen bei Alzheimerpatienten anzugehen.“

Ob Deraphan diesen Anspruch einlösen kann, müssen die kommenden klinischen Daten zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Die neuropsychiatrischen Begleitsymptome von Alzheimer entwickeln sich zu einem spannenden und für Patienten wie Angehörige und Pflegepersonal relevanten Innovationsfeld in der Demenzforschung.

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