
mRNA: Frühe Krebsstudie von BioNTech bei Brustkrebs überrascht
In Wissenschaftskreisen hat eine aktuell in Nature publizierte Studie zum Einsatz von mRNA-"Impfstoffen" gegen Krebs-Neoantigene beim triple-negativen Brustkrebs für eine riesige Welle der Aufmerksamkeit gesorgt. Da in der Phase I-Studie jedoch nur 14 Patienten behandelt wurden, ist die konkrete Schlussfolgerung eines Durchbruchs noch nicht statthaft. Gleichwohl hauchen die sehr ermutigenden Daten dem gegenüber Antikörpern, ADC oder Checkpoint-Wirkstoffen ins Hintertreffen geratenen Ansatz der Krebsimpfung neues Leben ein.
Das triple-negative Mammakarzinom gilt als besonders aggressive Form von Brustkrebs. Weil den Tumorzellen die Rezeptoren ER, PR und HER2 fehlen, greifen viele zielgerichtete Therapien hier nicht. Rückfälle treten häufig früh auf – oft innerhalb der ersten drei Jahre nach Diagnose. Umso größer ist das Interesse an individualisierten Immuntherapien. Bisher waren mRNA-Ansätze bei Krebs noch nicht wirklich überzeugend, oft fehlte der signifikante Wirksamkeitsnachweis.
Eine nun in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Phase I-Studie unter Leitung von Marcus Schmidt von der Universitätsklinik Mainz in Zusammenarbeit mit BioNTech (und Erstautor Ugur Sahin) liefert bemerkenswerte Daten. In der kleinen Untersuchung – man muss das herausstellen, dass dies eine explorative Studie war, also eine Art Testballon – erhielten 14 Patientinnen mit frühem triple-negativem Brustkrebs nach Operation und (neo)adjuvanter Therapie einen personalisierten mRNA-Impfstoff. Dieser kodierte jeweils bis zu 20 tumorspezifische Neoantigene, verpackt in Lipid-Nanopartikeln und intravenös verabreicht, um dendritische Zellen gezielt zu erreichen. Neoantigene sind Zellmerkmale, die die Krebszelle von gesunden Körperzellen unterscheiden. Häufig werden sie für das Immunsystem erst sichtbar, wenn eine Krebszelle abgetötet wird, was in der (neo)adjuvanten Therapie zum Teil eintritt, durch die zusätzliche Sichtbarmachung in einem Neoantigene-exprimierenden mRNA-Strang aber deutlich verstärkt werden kann.
Was die Studie aufsehenerregend macht, ist weniger die Größe – sie ist klar explorativ – als die Immunantwort: Alle Patientinnen entwickelten spezifische T-Zell-Reaktionen gegen mehrere der kodierten Neoantigene. Die induzierten CD8-T-Zellen erreichten Häufigkeiten, wie sie sonst eher aus adoptiven T-Zell-Therapien bekannt sind, und blieben über Jahre funktionell aktiv – ohne Auffrischungsimpfungen. Elf der 14 Teilnehmerinnen blieben über einen Zeitraum von bis zu sechs Jahren rezidivfrei. Was gerade bei dieser Krebsart schon einer kleinen Sensation gleichkommt.
Lernkurve in der Behandlung weist auf Kombinationstherapien
Auch die drei Rückfälle lieferten wertvolle Hinweise. Bei einer Patientin war die Impfantwort vergleichsweise schwach; sie erreichte jedoch unter einer anschließenden Anti-PD-1-Therapie eine komplette Remission – ein Argument für Kombinationstherapien und möglicherweise notwendige „Schwellenwerte“ der Immunantwort. Eine weitere Patientin zeigte einen nahezu vollständigen Verlust der MHC-Klasse-I-Expression, ein bekannter Immunfluchtmechanismus, der künftige Strategien zur Wiederherstellung der Antigenpräsentation nahelegt. Im dritten Fall ging das Rezidiv von einem genetisch unabhängigen kontralateralen Tumor aus – ein Hinweis darauf, wie wichtig umfassende Tumorsequenzierungen insbesondere in hereditären Konstellationen sind.
Noch ist es zu früh für klinische Schlussfolgerungen. Als Phase I-Studie stand die Machbarkeit und Immunogenität im Vordergrund, nicht der Wirksamkeitsnachweis. Doch die Daten deuten an, dass personalisierte Neoantigen-mRNA-Impfstoffe auch bei biologisch aggressiven Tumoren eine langanhaltende, funktionelle Immunität erzeugen können.
Die Ergebnisse dieser explorativen klinischen Studie der Phase I liefern einen weiteren Puzzlestein für den Proof of concept von mRNA-Krebsimmuntherapien als Plattformtechnologie. Eine Unternehmenssprecherin kommentierte für |transkript.de: „Wir beobachten ähnliche Signale hinsichtlich Immunantworten auch in anderen Indikationen, zu denen wir ebenfalls Veröffentlichungen in Nature hatten:
- Nature 2025: Autogene cevumeran with or without atezolizumab in advanced solid tumors
- Nature 2025: RNA neoantigen vaccines prime long-lived CD8+ T cells in pancreatic cancer
- Nature 2023: Personalized RNA neoantigen vaccines stimulate T cells in pancreatic cancer
Darüber hinaus liefern die Studiendaten natürlich auch wertvolle Hinweise für die weitere Forschung: Die Erkenntnisse bei drei Patienten mit Rückfällen in dieser klinischen Studie sind wegweisend für potenzielle zukünftige Kombinationsbehandlungsstrategien zur Überwindung von Resistenzen – jede zeigte einen spezifischen Escape-Mechanismus, den es zu adressieren gilt – insbesondere durch gezielte Kombinationstherapien.“
Bei BioNTech laufen derzeit mehrere fortgeschrittene klinische Studien der Phase II für diesen Ansatz in verschiedenen Indikationen, mit dem Ziel, den endgültigen Proof of concept im Vergleich zum Behandlungsstandard zu erbringen. In der Drei-Säulen-Strategie der Mainzer bleibt die mRNA damit auch weiterhin ein wichtiges Element. Die Plattformidee der personalisierten Krebsimpfung erhält damit neuen Rückenwind, auch jenseits der großen Indikationen wie Melanom.

adivo GmbH
Roche
BioNTech SE, 2026