Po - stock.adobe.com

Rufe in der Wüste: Finanzgipfel in Berlin

Die Biotech-Branche fordert erneut Reformen – doch die bekannten Baustellen bleiben. Mehr Wachstumskapital, bessere steuerliche Rahmenbedingungen, weniger regulatorische Hürden und schnellere politische Umsetzung: Auf dem Biotech-Finanz-Gipfel von BIO Deutschland in Berlin hat die Branche ihre Forderungen an die Bundesregierung erneuert. Neu sind diese allerdings nicht.

ANZEIGE

Auf dem Biotech-Finanz-Gipfel von BIO Deutschland in Berlin hat die Branche ihre Forderungen an die Bundesregierung erneuert. Allerdings sind diese nicht neu. Neu ist vielmehr, dass sich die bekannten Schwächen des Standorts Deutschland zunehmend in den Finanzierungszahlen niederschlagen.

Auf dem Gipfel fand zeitgleich die Vorstellung des German Biotechnology Report 2026 von EY-Parthenon und BIO Deutschland statt. Die Analyse zeichnet ein gemischtes Bild: Deutschlands Biotechnologie bleibt wissenschaftlich stark und gründungsaktiv, doch gerade in der kapitalintensiven Wachstumsphase geraten viele Unternehmen ins Stocken. Die Finanzierungslücke zwischen erfolgreicher Start-up-Phase und internationaler Skalierung gilt weiterhin als zentrale Schwachstelle des Ökosystems.

Geld, Geld, Geld

Damit wiederholt sich eine Diagnose, die seit Jahren auf nahezu jeder Branchenkonferenz gestellt wird. Seit langem verweisen Verbände, Investoren und Unternehmer darauf, dass Deutschland zwar exzellente Forschung hervorbringt, die daraus entstehende Wertschöpfung jedoch häufig anderswo realisiert wird. Fehlendes Wachstumskapital, eine schwache Börsenkultur und die geringe Zahl großer institutioneller Investoren führen dazu, dass Unternehmen für spätere Finanzierungsrunden oder Börsengänge häufig in die USA ausweichen.

Die aktuellen Zahlen liefern dieser Kritik neue Nahrung. Laut Report gingen die gesamten Finanzierungsvolumina deutscher Biotech-Unternehmen 2025 zurück. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Venture-Capital-Investitionen aus, die sich zunehmend auf wenige, bereits fortgeschrittene Unternehmen konzentrieren. Für junge Firmen wird es dadurch schwieriger, den Übergang von der Forschung in die klinische Entwicklung zu finanzieren.

Doch auch diese Beobachtung ist nicht wirklich neu. Auch in den vergangenen Jahren waren es oft einzelne Unternehmen, die den Großteil einer Gesamtfinanzierung der Branche auf sich vereinigen konnten, sei es von VC-Seite oder auch einmal über Kapitalmaßnahmen an internationalen Börsenplätzen. Dass nun schon länger in den späteren Finanzierungsphasen das Geld nur noch sehr spärlich und selektiv fließt, ist für viele Firmen jedoch die wirkliche Herausforderung. Denn auf dieser Entwicklungsstufe gibt es nicht viele Möglichkeiten, sich in eine Parkbucht zu flüchten und auf bessere Zeiten zu warten. Wer den nächsten Skalierungsschritt nicht zeitnah von der Serie B zu C oder in diesem Bereich hinbekommt, verliert schlicht das Vertrauen, dass ein Investment dort gut allokiert ist.

Schneller, schneller, schneller

Entsprechend deutlich fiel der Appell an die Politik aus. Der Branchenverband BIO Deutschland kritisierte insbesondere das langsame Vorankommen der WIN-Initiative (Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland). Von den angekündigten Milliardenbeträgen sei bislang nur ein Bruchteil tatsächlich in den Markt geflossen. Zudem fordert der Verband steuerliche Anreize für Investitionen, Verbesserungen bei der Projektförderung und einen leichteren Zugang zu Kapital. Dort gibt es zwar immer mehr Fonds-in-Fonds und europäisches Wachstumsgeld, doch damit entsteht nur ein Dschungel an Möglichkeiten, aber längst noch kein Weg, der gut zu beschreiten ist.

Auch die aktuelle Gesundheitspolitik geriet in die Kritik. Vertreter der Branche verwiesen auf die jüngsten Investitionskorrekturen internationaler Pharmakonzerne und sehen darin ein Warnsignal für die Attraktivität des Standorts. Die Sorge: Während andere Länder gezielt um Biotech-Investitionen werben, verliert Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit. Das Thema China wurde ebenfalls in diesem Zusammenhang eingeflochten, wobei Sprecher von JPMorgan deutlich machten, dass bereits jetzt ganz klar der Abgleich stattfindet, ob denn ein Asset, das aus Europa,  den USA oder von sonstwo auf dem Globus nach einer Finanzierung sucht, nicht zu günstigeren Konditionen in China zu finden sei – mit den dortigen Rahmenbedingungen, dass eine klinische Entwicklung in China viermal schneller und halb so teuer wäre.

Die Diskussion zeigt damit ein bekanntes Muster. Die Probleme sind identifiziert, die Lösungsansätze liegen seit Jahren auf dem Tisch. Neu ist allerdings der Kontext: Nach dem Ende des pandemiebedingten Biotech-Booms, einem deutlich schwierigeren Kapitalmarktumfeld und wachsendem internationalen Wettbewerb wird der Spielraum kleiner. Die Frage lautet daher weniger, welche Reformen nötig sind, sondern warum ihre Umsetzung weiterhin auf sich warten lässt.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter