
Bayer: Warten auf das Monsanto-Startsignal
Mit einer neuen Finanzspritze durch ein Joint-venture-artiges Spin-out mit dem Finanzinvestor Apollo verschafft sich der Leverkusener Konzern Bayer den Milliarden-Rückenwind, um mit größerem Schwung über die Startlinie zu springen, wenn die Akte Monsanto endlich ein finales Urteil erfährt. Der Kursverlauf des Jahres spiegelt die Erwartungshaltung wider, war es das dann schon oder geht da noch mehr?
Bayer befindet sich in einer ungewöhnlichen Situation. Während der Pharmabereich seine Produktpipeline ausbaut, neue Kooperationen schließt und Milliarden in die Kapitalstruktur sowie das Kerngeschäft investiert, richtet sich der Blick vieler Investoren weiterhin fast ausschließlich auf die Rechtsstreitigkeiten rund um Glyphosat. Das angekündigte Urteil des US Supreme Court zur Frage, ob Bundesrecht Schadenersatzklagen gegen glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel ausschließt, gilt inzwischen als wichtigster Kurstreiber für den gesamten Konzern.
Eine gut gefüllte Pipeline im Schatten von Monsanto
Dabei entwickelt sich insbesondere die Pharmasparte operativ deutlich dynamischer als noch vor wenigen Jahren. Nach dem Patentablauf von Xarelto und Eylea befindet sich Bayer in einer Phase des Neuaufbaus. Hoffnungsträger sind unter anderem die Nieren- und Herz-Kreislauf-Therapie Kerendia sowie Nubeqa zur Behandlung von Prostatakrebs. Gleichzeitig investiert das Unternehmen gezielt in neue Entwicklungsprogramme für Onkologie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Zell- und Gentherapien sowie Radiopharmazeutika.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf externen Innovationen. Bayer verfolgt bereits seit einigen Jahren die Strategie, Technologien und Produktkandidaten über Partnerschaften, Lizenzvereinbarungen und gezielte Übernahmen in die eigene Pipeline einzubinden. In den vergangenen Monaten wurden mehrere Kooperationen in Bereichen wie Präzisionsmedizin, KI-gestützte Wirkstoffentwicklung und Zelltherapien erweitert. Über die Venture-Einheit Leaps by Bayer beteiligt sich der Konzern zudem früh an technologieorientierten Start-ups, die langfristig zu Partnern oder Übernahmekandidaten werden können.
Geldbeschaffung mit Spin-out
Auch organisatorisch hat Bayer den Pharmabereich neu ausgerichtet. Die Entwicklungsaktivitäten konzentrieren sich stärker auf Plattformtechnologien und biologische Arzneimittel. Gleichzeitig werden Investitionen konsequenter auf Programme mit hohem medizinischem Bedarf und klarer Differenzierung fokussiert. Die jüngste Transaktion, bei der Bayer sein Geschäft mit reversiblen Langzeit-Kontrazeptiva (LARC) in eine eigenständige Gesellschaft einbringt und dafür 3 Mrd. Euro von Apollo erhält, verschafft dem Konzern zusätzliche finanzielle Flexibilität, ohne die operative Kontrolle über das Geschäft aufzugeben. Denn Bayer bleibt dort Mehrheitseigner.
Das ist für Bayer viel Geld: das EBITDA der Pharmasparte betrug im vergangenen Jahr bei rund 18 Mrd. Euro Gesamtumsatz etwa 4,5 Mrd. Euro. Dennoch bleibt die Pharmasparte an der Börse eng mit der Gesamtlage des Konzerns verknüpft. Die milliardenschweren Glyphosat-Verfahren aus der Monsanto-Übernahme belasten weiterhin Bilanz und Bewertung. Entsprechend wird die operative Entwicklung der Pharmaaktivitäten derzeit häufig von der juristischen Unsicherheit überlagert.
Warten auf das Gericht
Als möglicher Wendepunkt gilt die erwartete Entscheidung des US Supreme Court. Sollte das Gericht den Fall annehmen und die Bayers Argumentation bestätigen, könnte dies die Zahl künftiger Klagen deutlich begrenzen und dem Konzern erheblichen finanziellen Spielraum verschaffen.
Vor kurzem beriet Bundesrichter Vincent Chhabria über das weitere Vorgehen in den Roundup-Verfahren auf Bundesebene. Hintergrund ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA von Ende Juni. Danach können Kläger Bayer nicht wegen eines fehlenden Krebswarnhinweises verklagen. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hatte Glyphosat mehrfach als nicht krebserregend eingestuft und entsprechende Etiketten ohne Warnhinweis genehmigt.
Bayer sieht sich durch dieses Urteil in seiner Position gestärkt und argumentiert, dass die gebündelten Bundesklagen damit weitgehend ihre Grundlage verloren hätten. Auch weitere Vorwürfe wie Fahrlässigkeit oder Konstruktionsfehler seien nach Auffassung des Konzerns eng mit der Frage der Kennzeichnung verknüpft. Die Klägerseite hält dagegen, dass sich das Supreme-Court-Urteil ausschließlich auf die Produktkennzeichnung beziehe und andere Schadenersatzansprüche davon unberührt blieben.
Richter Chhabria zeigte sich im Vorfeld der Anhörung kritisch gegenüber beiden Seiten. Er hatte den Termin zunächst angesetzt und später verschoben. Die bisherigen Stellungnahmen bezeichnete er als unzureichend und verlangte detailliertere Argumentationen. Nach seiner Einschätzung ist derzeit offen, ob die Verfahren eingestellt oder in veränderter Form fortgeführt werden.
Parallel zu den Bundesverfahren verfolgt Bayer weiterhin einen zweiten Weg zur Beilegung des Glyphosat-Komplexes. Mehr als 60.000 ähnliche Klagen vor Gerichten einzelner US-Bundesstaaten sollen über eine Sammelvergleichslösung beigelegt werden. Das vorgeschlagene Vergleichspaket umfasst rund 7,25 Mrd. US-Dollar. Über diese Einigung entscheidet ein Gericht in Missouri. Die Anhörung wurde auf den 19. August 2026 festgesetzt. Das jüngste Supreme-Court-Urteil könnte auch diese Vergleichsbemühungen beeinflussen, da es die rechtliche Position Bayers in den Glyphosat-Verfahren stärkt.
Das Scharren mit den Hufen
Eine gegenteilige Entwicklung würde den Druck auf Bayer dagegen weiter erhöhen. Für viele Investoren ist diese Entscheidung inzwischen wichtiger als einzelne Quartalszahlen oder Pipelinefortschritte. Für den Aktienkurs hat sich in den vergangenen Monaten klar eine Trendwende herausgebildet. Das tiefe Tal von Kursen um die 20 Euro hat Bayer hinter sich gelassen und steht nun mit einem recht rasanten Aufstieg seit dem Frühjahr eher bei 50 Euro, eine Verdoppelung seit April und damit Ausdruck für mehr Hoffen als weiterhin Bangen.
Es ist wie mit den Pferden, die vor dem Öffnen der Stalltür mit den Hufen scharren und endlich losgelassen werden wollen für einen schönen Galopp. Das scheint auch die Hoffnung bei den Bayeraktionären zu sein, wenn endlich dieser Monsanto-Knoten durchgehauen werden würde.
Unabhängig vom Ausgang der Verfahren zeigt sich ein klarer Trend: Bayer versucht, den Pharmabereich wieder als Wachstumsmotor des Konzerns zu etablieren. Ob dieser strategische Umbau an der Börse honoriert wird, dürfte kurzfristig weniger von der wissenschaftlichen Pipeline als von der juristischen Entwicklung in den USA abhängen.

Christian Müller-stock.adobe.com
Daniel Fuhr - stock.adobe.com
Lars Hübner