
BioNTech verliert seine Gründer: Sahin und Türeci gehen in Spin-off
Das Mainzer Biotech-Unternehmen BioNTech SE steht vor einem historischen Führungswechsel – die Köpfe hinter dem Corona-Impfstoff wagen einen Neustart. Ugur Sahin und Özlem Türeci wollen sich ganz auf die mRNA-Plattformtechnologie konzentrieren und starten zum Jahresende in einem Spin-off.
Es ist eine Nachricht, die in der deutschen Biotech-Branche für Aufsehen sorgen dürfte: Ugur Sahin und Özlem Türeci, das Gründerehepaar hinter BioNTech, werden das Unternehmen verlassen. Die beiden Wissenschaftler, die während der Corona-Pandemie weltbekannt wurden, wollen noch in diesem Jahr ein neues Biotechnologie-Unternehmen gründen – ihr drittes nach Ganymed Pharmaceuticals (2001) und BioNTech (2008).
Der Abgang kommt nicht von heute auf morgen, aber er kommt überraschend. Denn Sahin ist bis heute CEO von BioNTech – dem Unternehmen, das er selbst aufgebaut hat, das er durch die turbulente Entwicklung des mRNA-Impfstoffs geführt hat und das heute eine der bekanntesten deutschen Biotech-Adressen der Welt ist. Türeci, seine wissenschaftliche Partnerin und Frau, steht ihm dabei seit Jahrzehnten als Expertin für die mRNA-Plattform in der Onkologie zur Seite. Dass beide nun gleichzeitig das Steuer abgeben, ist ein tiefer Einschnitt.
Ein geordneter Abschied, aber ein Abschied
Laut BioNTech soll der Managementwechsel bis Ende 2026 vollzogen sein. Der Aufsichtsrat habe bereits mit der Suche nach Nachfolgern begonnen, heißt es. Die bestehende klinische Pipeline bleibe davon unberührt – bis Jahresende sollen 15 laufende Phase III-Studien im Bereich Onkologie weitergeführt werden und im Idealfall wichtige Daten liefern.
Das neue Unternehmen, dessen Name noch nicht bekannt ist, soll sich auf „mRNA-Innovationen der nächsten Generation“ konzentrieren. BioNTech wird dabei nicht außen vor bleiben: Vorgesehen ist, relevante Technologien und Rechte einzubringen – gegen eine Minderheitsbeteiligung sowie Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren. Eine bindende Vereinbarung soll bis Ende Juni 2026 unterzeichnet werden.
Sahin spricht vom „richtigen Zeitpunkt“
In einem Statement gibt sich Sahin zufrieden: BioNTech sei heute „sehr gut aufgestellt“, und nun sei der richtige Moment, den „Staffelstab weiterzugeben“. Gleichzeitig klingt zwischen den Zeilen durch, dass beide im Herzen Wissenschafler geblieben sind und nicht unbedingt ein großes Pharmaschiff von der Brücke aus lenken wollen: „Schon immer war es unsere Vision, Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu überführen. Jetzt bietet sich die Chance, die nächste Generation bahnbrechender Innovationen zu erschließen“, so Sahin.
Aufsichtsratschef Helmut Jeggle formuliert es diplomatisch, macht aber unmissverständlich klar, was der Kern dieser Neuaufstellung ist: Sahin und Türeci sollen ihre „volle Aufmerksamkeit“ einem neuen Unternehmen widmen können. Mit anderen Worten könnte man auch konstatieren: Das Gründerpaar passt mit dem Blick nach vorn inzwischen nicht mehr ideal zum operativen Tagesgeschäft eines reifenden Pharmaunternehmens.
Was bleibt, was geht
BioNTech steht vor einer entscheidenden Phase: Das Unternehmen, das bislang vor allem vom Erfolg des COVID-19-Impfstoffs lebte, will sich als Multi-Produkt-Biopharmakonzern in der Onkologie etablieren. Die Onkologie-Pipeline mit Immunmodulatoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten und mRNA-Krebstherapien soll bis 2030 mehrere zugelassene Produkte liefern. In diesem Jahr stehen aus den weit fortgeschrittenen klinischen Studien der eingekauften Wirkstoffe entscheidende Wegmarken an.
In einem Forschungs-Start-up beginnen Sahin und Türeci hingegen von vorn. Wieder einmal und offensichtlich ganz mit sich im Reinen und der Zuversicht, auch mit einem Neustart wichtige Beiträge für die Medizin von morgen liefern zu können.

Biontech SE
adivo GmbH
Roche