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Boehringer holt sich sechs Krebsprogramme aus China

Boehringer setzt bei Krebsforschung auf China in einem Milliarden-Deal mit Sino Biopharmaceutical. Sechs präklinische Programme für ADCs und T-Zell-Engager sollen die Onkologie-Pipeline stärken. Boehringer zahlt zunächst 358 Mio. US-Dollar, weitere bis zu sieben Milliarden US-Dollar sind an Entwicklungs- und Vermarktungserfolge geknüpft.

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Boehringer Ingelheim vertieft seine Zusammenarbeit mit der chinesischen Pharmaindustrie. Der deutsche Pharmakonzern hat mit Sino Biopharmaceutical (SBP Group) eine umfangreiche Lizenz- und Entwicklungsvereinbarung über sechs präklinische Programme zur Krebstherapie geschlossen. Im Mittelpunkt stehen zwei Wirkstoffklassen, auf die derzeit viele Hoffnungen in der Onkologie gerichtet sind: Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) und T-Zell-Engager. SBP erhält zunächst 358 Mio. US-Dollar an Vorab- und zeitnahen Zahlungen. Hinzu kommen potenzielle Meilensteinzahlungen von bis zu sieben Milliarden Dollar sowie umsatzabhängige Lizenzgebühren im bis zu zweistelligen Prozentbereich.

Der nominelle Umfang des Vertrags ist beträchtlich. Die sieben Milliarden Dollar sind kein Kaufpreis und auch keine bereits zugesagte Zahlung. Sie hängen davon ab, ob die sechs Wirkstoffprogramme klinische, regulatorische und kommerzielle Ziele erreichen. Die Vereinbarung ist zudem als Options- und Lizenzmodell angelegt: SBP übernimmt zunächst die frühe Entwicklung. Erst nach Erreichen vereinbarter klinischer Meilensteine kann Boehringer die Optionen auf exklusive Entwicklungs-, Herstellungs- und Vermarktungsrechte ausüben.

Für vier Programme gelten diese Rechte außerhalb von Festlandchina, Hongkong und Macau. Bei den beiden übrigen Programmen kann Boehringer die Rechte weltweit übernehmen. Die regionale Aufteilung zeigt, dass China nicht nur als Forschungsstandort und Lieferant neuer Wirkstoffideen betrachtet wird, sondern zugleich ein eigenständiger Markt mit eigenen Verwertungsrechten bleibt.

Sechs frühe Programme, noch keine klinischen Kandidaten

Fünf der sechs präklinischen Programme stammen von LaNova Medicines in Shanghai, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft von SBP. Das sechste kommt von Beijing Tide Pharmaceutical, ebenfalls eine Tochtergesellschaft der chinesischen Gruppe. Zu den konkreten Zielstrukturen, Indikationen oder Entwicklungsständen der einzelnen Kandidaten haben die Unternehmen zunächst keine näheren Angaben gemacht. Auch lässt sich deshalb noch nicht beurteilen, wie differenziert die sechs Programme wissenschaftlich aufgestellt sind und wo sie sich in einem zunehmend umkämpften Onkologiemarkt positionieren könnten.

Die beiden adressierten Modalitäten passen allerdings in die strategische Ausrichtung von Boehringer. ADCs koppeln einen Antikörper an eine zellschädigende Wirkstoffkomponente und sollen diese möglichst gezielt an Tumorzellen bringen. T-Zell-Engager verbinden dagegen Immunzellen mit Tumorzellen und sollen so die körpereigene Abwehr gegen den Krebs aktivieren. Beide Ansätze gehören zu den dynamischsten Entwicklungsfeldern der Krebsmedizin – und sind zugleich wissenschaftlich und klinisch anspruchsvoll. Bei ADCs kommt es unter anderem auf Zielstruktur, Linker und Wirkstofffracht an; bei T-Zell-Engagern sind Wirksamkeit und Immuntoxizität zentrale Herausforderungen.

Für Boehringer bedeutet der Vertrag vor allem eine Verbreiterung der frühen Pipeline. Der Konzern kann mehrere Ansätze zunächst von SBP entwickeln lassen und muss die vollständigen globalen Entwicklungs- und Vermarktungsverpflichtungen nicht sofort übernehmen. Die Optionsstruktur verteilt damit einen Teil des frühen Entwicklungsrisikos auf den chinesischen Partner. Gleichzeitig erhält Boehringer Zugang zu Programmen, die es nach Erreichen definierter klinischer Meilensteine gezielt weiterentwickeln könnte.

China wird Teil der globalen Forschungsstrategie

Der Vertrag ist kein isoliertes Engagement. Boehringer hat am 12. Oktober in Shanghai ein neues China Research and Development Center eröffnet. Es soll die frühe klinische Entwicklung vor Ort ausbauen und wissenschaftliche Entdeckungen aus China schneller in die globale Arzneimittelentwicklung überführen. Nach Angaben des Unternehmens ist das chinesische Team bereits an allen wichtigen klinischen Studien und an mehr als 70 Prozent der frühen klinischen Forschungsprojekte beteiligt. Das neue Zentrum soll diese Rolle weiter stärken.

Auch die Zusammenarbeit mit SBP ist nicht die erste Kooperation der beiden Unternehmen. Die Partner sprechen ausdrücklich von ihrer zweiten Onkologie-Partnerschaft. Im April hatte Boehringer zudem mit dem chinesischen Unternehmen Zai Lab eine klinische Kooperation vereinbart: Dabei wird der DLL3/CD3-T-Zell-Engager Obrixtamig von Boehringer mit dem DLL3-gerichteten ADC Zocilurtatug Pelitecan von Zai Lab kombiniert. Die Phase-Ib/II-Studie soll den Ansatz bei kleinzelligem Lungenkrebs und weiteren neuroendokrinen Tumoren untersuchen.

Damit entsteht ein Muster: Boehringer nutzt chinesische Partner nicht nur für den Zugang zum lokalen Markt oder für klinische Studien, sondern zunehmend auch als Quelle neuer Technologien und Wirkstoffkandidaten. Das im Oktober eröffnete Forschungszentrum und die beiden Partnerschaften mit SBP und Zai Lab sind unterschiedliche Bausteine derselben Strategie.

Andere China-Rolle als bei Bayer

Der Blick auf Bayer macht deutlich, wie unterschiedlich die China-Strategien deutscher Pharmakonzerne inzwischen aussehen können. Bayer hat mit Sevabertinib einen eigenen Wirkstoff gegen HER2-mutierten Lungenkrebs in China in die Erstlinienbehandlung gebracht. Der Konzern muss sich dort unter anderem gegen Zongertinib behaupten, einen Wirkstoff von Boehringer Ingelheim, der in China bereits zuvor zugelassen worden war. In diesem Fall treffen also zwei deutsche Pharmaunternehmen mit ihren jeweiligen Entwicklungsprogrammen direkt aufeinander.

Mit dem SBP-Vertrag geht Boehringer einen Schritt weiter: China ist nicht nur Absatzmarkt und Wettbewerbsarena, sondern auch ein Standort, aus dem neue Wirkstoffprogramme für die globale Pipeline kommen sollen. Das ist eine strategische Wette auf die Innovationskraft der chinesischen Biotech- und Pharmaindustrie. Sie setzt voraus, dass die dort entwickelten Kandidaten international wettbewerbsfähig sind und sich auch außerhalb des chinesischen Marktes klinisch und regulatorisch erfolgreich entwickeln lassen.

Für SBP wiederum ist die Vereinbarung ein wichtiger Schritt in der Internationalisierung. Die Gruppe kann ihre präklinischen Programme mit einem global erfahrenen Pharmapartner weiterentwickeln und erhält dafür bereits zu Beginn erhebliche Zahlungen. Zugleich bleibt sie an möglichen späteren Erfolgen über Meilensteine und Lizenzgebühren beteiligt.

Der Milliardenbetrag in der Überschrift ist damit vor allem ein Maß für das mögliche Potenzial der sechs Programme – nicht für ihren heutigen Entwicklungswert. Noch stehen sie ganz am Anfang. Ob aus ihnen tatsächlich neue Krebsmedikamente werden, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Für Boehringer ist der Vertrag dennoch ein deutliches Signal: Der Konzern will die Innovationskraft Chinas nicht nur beobachten, sondern systematisch in seine globale Onkologie-Strategie einbauen.

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