Butch - stock.adobe.com

Bundeskabinett beschließt Start-up- und Scale-up-Strategie

Mit einer soeben vom Bundeskabinett verabschiedeten Start-up- und Scale-up-Strategie sollen die Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen von der Gründung bis zur internationalen Expansion verbessert werden. Die insgesamt 150 Maßnahmen stoßen auf Zustimmung, aber auch auf Kritik.

ANZEIGE

Das Bundeskabinett hat die angekündigte Start-up- und Scale-up-Strategie verabschiedet. Mit rund 150 Maßnahmen will die Bundesregierung die Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen von der Gründung bis zur internationalen Expansion verbessern. Im Mittelpunkt stehen der Abbau bürokratischer Hürden, bessere Finanzierungsmöglichkeiten – insbesondere in der Wachstumsphase –, ein erleichterter Technologietransfer aus der Wissenschaft sowie stärkere Anreize für private und öffentliche Wagniskapitalinvestitionen.

Viele Baustellen im Gründungsdschungel und Schwerpunkt bei Verteidigung

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bezeichnete die Strategie als Grundlage für die „nächste Generation deutscher Weltmarktführer“. Ziel sei es, Gründungen zu erleichtern, das Wachstum junger Unternehmen zu beschleunigen und innovative Technologien langfristig in Deutschland zu halten. Erstmals berücksichtigt die Bundesregierung dabei ausdrücklich auch Start-ups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums flossen rund 300 Stellungnahmen aus der Start-up-Szene sowie die Ergebnisse von zehn Workshops in die Ausarbeitung ein. Die Umsetzung der Maßnahmen soll noch in dieser Legislaturperiode beginnen und durch jährliche Fortschrittsberichte begleitet werden. Ein Schwerpunkt des Papiers liegt auf Verteidigung und Sicherheit. Für Firmen aus diesem Sektor soll der Kapitalzugang verbessert werden. Die Bundesregierung will sich erstmals direkt an Start-ups beteiligen, die Waffen herstellen. Außerdem sollen militärische Start-ups die gleiche Förderung wie andere bekommen.
Ein weiterer Fokus der Maßnahmen liegt auf technologiegetriebenen Start-ups. Die sind bei Investoren – neben dem Bereich Verteidigung – besonders beliebt, wie das aktuelle Start-up-Barometer der Beratungsgesellschaft EY zeigt. Die Bundesregierung reagiert auf diese Marktrealität, indem sie ein spezielles Direktbeteiligungsvehikel für Start-ups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie auflegt und den Zugang zu öffentlichen Aufträgen für junge Technologiefirmen erleichtert.

Zustimmung und viel Kritik

Der starke Fokus auf Verteidigung und Waffen-Start-ups ist zugleich der Punkt, gegen den die stärkste Kritik aufbrandete. Warum denn die gerade noch hervorgehobenen „sozialen Gründungsvorhaben“ überhaupt keine Rolle mehr spielen, fragt etwa der einschlägige Verband SEND e.V., der Bundesverband für Social Entrepreneurship in Deutschland. Auch der Verband der Business Angel beklagt sich und sieht die fast ausschließliche Förderung von Venture-Kapital als Finanzierungsinstrument in der Bundesstrategie „an den Gründungsrealitäten vorbei“. Gerade die erfahrenen Investoren, die mit ihrem privaten Geld und Know-How Gründungen anschieben, könnten auf viel mehr nachhaltig erfolgreiche Unternehmen verweisen als die VC-Gesellschaften.
Fachkommentare aus dem Bereich der Bioökonomie und Nachhaltigkeit kritisieren zudem, dass bestehende europäische Instrumente wie der Europäische Nachhaltigkeitsfonds (ECBF) in der Strategie kaum Beachtung finden, dass die Fokussierung auf Verteidigung gar ein „Klumpenrisiko“ darstelle. Aus der Gründerszene selbst gibt es auch viele positive Stimmen, dass die richtigen Stellschrauben herausgearbeitet worden seien. Jedoch fragt man sich dort, warum etwa über das einstige Projekt „Gründung in 24 Stunden“ nun kein einziges Wort mehr in der Strategie zu finden sei. Auch das „Gründen aus dem Beruf, als Nebentätigkeit“ sei nicht im Blickfeld der Politik gelandet, obwohl ein großer Teil der Gründungen von Berufstätigen erfolgt, die jedoch keinen formalen Zugang zu Förderprogrammen haben.

Rekord an Gründungen

Die Strategie trifft auf aktuelle Rekordzahlen bei Gründungen in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2026 wurde mit 3.053 Start-up-Gründungen ein historischer Rekord erreicht. Treiber dieses starken Anstieges (+52% im Vergleich zum Vorjahr) sind der KI-Boom, der allein mit über 1.000 Gründungen (34% aller Gründungen) zu Buche schlägt. Bayern liegt mit 626 Gründungen vorn, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (539) und Baden-Württemberg (377). Der Stadtstaat Hamburg verzeichnet mit 212 Gründungen ein gewaltiges Plus gemessen an der Bevölkerung.
Damit zeigt sich eigentlich, dass die Gründung als solche über alle Branchen zu funktionieren scheint (über die Beweggründe der Gründer in Zeiten von Stellenabbau, Einstellungsstopp und Wirtschaftsstagnation zu grübeln, wäre eine ganz andere Geschichte).  So hatte Bayern selbst in den Life Sciences mit 26 Firmen eine sehr hohe Zahl an Gründungen für das vergangene Jahr vermeldet.
Muss die Strategie also sehr viel stärker auf die Unterstützung der Wachstumsphase zielen und ist das national zu stemmen? Was dort immer wieder zum Ausverkauf von Innovation ins Ausland führt, ist das fehlende Finanzierungsökosystem in Europa, nicht nur der oft bemängelte Börsenplatz, sondern die großen europäischen Fonds, die mit europäischem Geld das Wachstum finanzieren. Wenn in dieser Phase hauptsächlich US-amerikanische Fonds einsteigen, sei es kein Wunder, dass der Exit auch in deren Heimatregion stattfinde, heißt es bei Branchenexperten in der Biotechnologie. Europa hat dazu nun einen Wachstumsfonds mit 5 Mrd. Euro ausgestattet, der von EQT gemanagt wird. Die VC-Experten hatten kürzlich den Zuschlag erhalten.

150 Maßnahmen heißt auch, dass diese wohl notwendig sind

Wenn eine Strategie rund 150 Maßnahmen entdeckt, die notwendig sind, um den Gründungs- und Wachstumsbereich von Unternehmen zu verbessern, sieht man jedoch auch, wie viel hier im Argen liegt, wie viele Stellschrauben zu drehen sind und dass es offensichtlich einen Dschungel an Behinderungen gibt. Ob die Strategie die Erwartungen der Innovationsszene erfüllt, dürfte sich daher erst in den kommenden Monaten zeigen. Viele der angekündigten Maßnahmen waren bereits in den vergangenen Jahren Gegenstand politischer Diskussionen. Zudem verweisen Verbände und Unternehmen darauf, dass zentrale Herausforderungen für innovationsintensive Branchen – etwa im Bereich Biotechnologie, Medizintechnik oder Deep Tech – über bessere Start-up-Finanzierung hinausgehen. Kritiker bemängeln unter anderem fehlende Impulse für spätere Finanzierungsrunden, den Ausbau industrieller Produktionskapazitäten, regulatorische Beschleunigungen sowie eine stärkere Unterstützung etablierter mittelständischer Innovationsunternehmen, die häufig als Partner oder erste Kunden von Start-ups fungieren.
Einer dieser Kritiker ist beispielsweise Friedrich von Bohlen. Er überschreibt seinen Kommentar auf LinkedIn: „Chance vertan: die Start-up-Strategie des Bundes verpasst Kernthemen und -Botschaften.“ Schon die Überschrift sei falsch, setzt von Bohlen fort: „Bundesregierung will Finanzierung von start ups erhöhen. Nein: die Bundesregierung soll die Rahmenbedingungen für Eigenkapitalinvestoren und -investitionen verbessern und sich ansonsten raushalten. Der sog. Deutschlandfonds ist kein Investmentfonds, sondern ein Sammelsurium an Maßnahmen wie Bürgschaften und Krediten.“ Insgesamt wird in weiteren Kommentaren darauf abgehoben, dass eine größere Steuertransparenz sowie die Incentivierung von privater Geldanlage in Innovation sehr viel stärker zur Attraktivität des Sektors für vagabundierende Geldströme sorgen würde als kleinteilige Stellschrauben im Bürokratiedschungel.
Entsprechend wird die Strategie nun daran gemessen werden, wie schnell aus den angekündigten Maßnahmen konkrete Verbesserungen werden. Dass mit der Strategie „noch in dieser Legislatur begonnen“ werden soll, lässt nicht unbedingt vermuten, dass es mit der Umsetzung in hohem Tempo vorangeht.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter