
Finanzierung: der lange Weg der Präsizionspsychotherapie mit HMNC
Mit einer ersten Tranche von 50 Mio. US-Dollar in der Series-B-Finanzierung und einer Vermarktungspartnerschaft mit MEDICE sichert sich HMNC Brain Health frisches Kapital für seine Depressionsprogramme. Die Finanzierung markiert einen wichtigen Meilenstein für das Münchner Unternehmen – fast zehn Jahre nach seinen ersten großen Ambitionen in der Präzisionspsychiatrie.
Als der Münchner Psychiatrie-Entwickler HMNC vor fast zehn Jahren erstmals größere Aufmerksamkeit erhielt, klang die Vision nach einem Paradigmenwechsel: Psychische Erkrankungen sollten mithilfe von Biomarkern und genetischen Tests präziser behandelt werden als mit dem bisherigen „Trial-and-Error“-Ansatz. Max-Planck-Direktor Prof. Florian Holsboer war dazu extra in der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“ aufgetreten: mit Erfolg. 2017 berichtete etwa die Deutsche Apotheker Zeitung über das Unternehmen, das nach dem Auftritt von Seriengründer und Investor Carsten Maschmeyer unterstützt wurde und unter dem Namen HMNC Brain Health antrat, um die Psychiatrie zu revolutionieren.
Nun meldet das Unternehmen einen weiteren Meilenstein: Eine erste Tranche seiner Series-B-Finanzierung über 50 Mio. US-Dollar wurde abgeschlossen. Hauptinvestor ist der deutsche Arzneimittelhersteller MEDICE, der sich zugleich die europäischen Vermarktungsrechte für den Ketamin-Kandidaten KET01 („Ketabon“) gesichert hat. Das Geld soll vor allem die Vorbereitung der Phase III für KET01 sowie die Weiterentwicklung des zweiten Kernprojekts Nelivabon finanzieren.
Münchner Schickeria, Münchner Investoren-Klüngel
Kurz vor Corona gab es eine Welle an Prominenten, die ihre Depressionserkrankungen in der Boulevardpresse ausbreiteten. Schauspieler, Sportler, Unternehmer (m/w) und auch Carsten Maschmeyer selbst befand sich darunter und gab diese eigene Erfahrung als Grund für sein Investment an. Bei Prof. Holsboer gaben sich die Schönen und Reichen förmlich die Türklinke in die Hand, fast gehörte eine mittelschwere Depression zum guten Ton in einschlägigen Gesellschaften wie schon lange Jahre zuvor von Woody Allen unnachahmlich im New Yorker „Stadtneurotiker“ verewigt.
Die aktuelle Erfolgsmeldung verdeckt damit etwas, wie lang und steinig der Entwicklungsweg bislang war. Bereits 2021 kündigte HMNC gemeinsam mit dem Schweizer Partner Develco Pharma an, eine orale Retardformulierung von Ketamin gegen therapieresistente Depressionen in die klinische Entwicklung zu bringen. Damals stellte das Unternehmen erste Daten bereits für 2022 und weiterführende Ergebnisse für Anfang 2023 in Aussicht.
2022 begann die zweite Phase II-Studie mit 117 Patienten. Das Ziel war ehrgeizig: Eine oral einnehmbare Ketamin-Tablette sollte die schnelle antidepressive Wirkung des Wirkstoffs erhalten, zugleich aber die für Ketamin typischen dissoziativen Nebenwirkungen deutlich reduzieren. Zudem sollte das Präparat perspektivisch auch außerhalb spezialisierter Kliniken eingesetzt werden können.
Die 2023 präsentierten Phase II-Daten lieferten zwar positive Signale. KET01 zeigte bereits nach wenigen Tagen signifikante Verbesserungen der Depressionssymptome und verursachte deutlich weniger Dissoziationen als etablierte Ketamin- oder Esketamin-Therapien. Allerdings verfehlte die Studie am primären Endpunkt nach 21 Tagen die statistische Signifikanz gegenüber Placebo.
Zurück ins Wartezimmer
Damit wurde aus dem ursprünglich als relativ geradlinig dargestellten Entwicklungsprogramm ein deutlich längerer Prozess. Noch 2025 hatte HMNC auf seiner Website eine Phase-III-Studie für KET01 in Aussicht gestellt. Tatsächlich spricht das Unternehmen nun Mitte 2026 erst von „Phase-3-Readiness“-Aktivitäten.
Parallel verfolgt HMNC mit Nelivabon einen zweiten Ansatz, der noch stärker die ursprüngliche Vision der Präzisionspsychiatrie widerspiegelt. Der Vasopressin-V1b-Rezeptor-Antagonist soll gezielt bei genetisch definierten Untergruppen depressiver Patienten eingesetzt werden. Nach positiven Phase-IIb-Daten sieht das Unternehmen auch hier den Übergang in die Spätentwicklung vor.
Bemerkenswert ist, dass HMNC trotz der Verzögerungen seine Investorenbasis ausbauen konnte. Bereits 2022 beteiligte sich Fußball-Weltmeister Toni Kroos an der Finanzierungsrunde. Maschmeyer blieb ebenfalls engagiert und beteiligte sich nun erneut über seine Beteiligungsgesellschaft.
Interesse nimmt wieder zu
Inhaltlich könnte HMNC von einem sich wandelnden regulatorischen Umfeld profitieren. Die Corona-Phase hatte nämlich auch eine Auswirkung auf die Publikumswirkung von Depressions-Nachrichten. Da große Bevölkerungskreise von Kontaktsperre und Home-Office ihrer physischen sozialen Kontakte beraubt wurden, konnte man mit Hinweisen auf prominente „Opfer“ keine Schlagzeilen mehr produzieren. Das Thema war nun gerade nicht mehr salonfähig. Nun, nach Jahren, in denen sich auch viele große Pharmaunternehmen aus der Psychiatrie zurückgezogen hatten, wächst das Interesse an neuartigen Wirkmechanismen wieder deutlich. Denn auch wenn die große Schlagzeile fehlt, der Bedarf ist hoch.
Die Ausgaben für stationäre psychiatrische Behandlungen sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich angewachsen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag hervor. Dem Bund zufolge haben sich die Ausgaben „sehr dynamisch“ entwickelt. Der Antwort zufolge sind die Ausgaben von 2015 bis 2025 jährlich um rund 6,1 Prozent angewachsen. Sie hätten damit über den Gesamtausgaben (plus 5,1 Prozent) sowie oberhalb der beitragspflichtigen Einnahmen (plus 4,3 Prozent) gelegen.
Seit dem Jahr 2023 ist dem Bund zufolge sogar ein „besonders dynamisches Wachstum“ mit Steigerungsraten von rund zwölf Prozent (2023) und rund neun Prozent (2024) zu beobachten gewesen. Diese Dynamik habe sich auch in den vorläufigen Rechnungsergebnissen für das 1. bis 4. Quartal 2025 mit rund zwölf Prozent fortgesetzt.
Spätfolgen von Corona, die vielen Krisen oder sonstige Gründe. Ketamin-Derivate, Psychedelika und biomarkerbasierte Therapien werden inzwischen von Investoren und Behörden wesentlich aufmerksamer verfolgt als noch vor wenigen Jahren. Ob dies auch die Zulassungspfade erleichtert, bleibt abzuwarten. Die aktuelle Finanzierung und die Vermarktungspartnerschaft mit MEDICE zeigen jedoch, dass Investoren und Industriepartner dem Feld wieder mehr Vertrauen entgegenbringen.
Für Medice war dabei wohl von Bedeutung, über den Investoren-Tag von IZB und HTGF in engeren Kontakt mit der Münchner Innovationsszene zu gelangen. Manchmal muss es eben nicht die „Höhle der Löwen“ sein, ein Auftritt beim Pitch-Event im IZB-Turm kann ähnliche Wirkung entfalten. Für HMNC ist das nun ein wichtiger Etappensieg. Die eigentliche Bewährungsprobe steht allerdings noch bevor: Nach fast einem Jahrzehnt Unternehmensgeschichte muss das Unternehmen nun zeigen, dass aus den wissenschaftlichen Konzepten tatsächlich zulassungsfähige Medikamente werden können.

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