Roche.com, Media

Mehr Vielfalt gewünscht: Roche setzt auf 300.000 bispezifische Kombinationen

36,5 Mio. US-Dollar zahlt Roche zunächst an die US-amerikanische Dualitas Therapeutics, um mehr als 300.000 Kombinationen für bispezifische Antikörper zu screenen. Das junge Biotech wird dabei von zwei Managern mit Roche- beziehungsweise Genentech-Vergangenheit geführt. Für Roche ist der Deal ein weiterer Schritt, bispezifische Antikörper auch jenseits der Onkologie systematisch zu erschließen. Insgesamt könnte der Deal sogar die Milliardenschwelle erreichen.

ANZEIGE

Wir in der jüngeren Vergangenheit eine Präsention aus der Roche-Forschung gesehen hat, dem konnte spätestens bei einem der letzteren Folien schwindelig werden, wenn dort präsentiert wurde in welchen vielfältigen Kombinationen und Abwandlungen von Antikörpern, Fragmenten, Neu-Zusammesetzung aus Einzelmotiven sowie der Varianz von Spezifitäten dieser Moleküle innerhalb einer Eiweißkette sich Roche die Zukunft neuer Biopharmazeutika vorstellt. Doch das Schweizer Unternehmen hat offensichtlich mit den im eigenen Haus ausgetüftelten Möglichkeiten noch nicht genug.

Die eigene Molekülwelt ist nicht genug

Roche will die Suche nach neuen bispezifischen Antikörpern deutlich breiter aufstellen. Der Schweizer Pharmakonzern hat nun mit dem erst 2025 gestarteten US-Biotech Dualitas Therapeutics eine Forschungs- und Lizenzvereinbarung geschlossen. Dualitas soll mit seiner DualScreen-Plattform mehr als 300.000 neuartige bispezifische Kombinationen funktionell testen, zunächst mit Blick auf Erkrankungen des Immunsystems und entzündliche Erkrankungen. Roche zahlt dafür 36,5 Mio. US-Dollar vorab. Einschließlich Forschungs-, Entwicklungs- und kommerzieller Meilensteine kann der Wert der Vereinbarung auf bis zu 1 Mrd. US-Dollar steigen; hinzu kommen gestaffelte Lizenzgebühren.

Der Unterschied zu klassischen Ansätzen liegt dabei weniger im Molekül als in der Suche danach. Dualitas nutzt seine DualScreen-Plattform, um Zelloberflächen-Zielstrukturen in großem Maßstab miteinander zu kombinieren und funktionell zu testen. Gesucht werden also nicht nur bispezifische Antikörper gegen bereits bekannte Target-Paare, sondern neue Kombinationen, bei denen die räumliche Nähe zweier Proteine auf derselben Zelle einen zusätzlichen biologischen Effekt erzeugt. Dualitas spricht von „Proximity Biology“.

Roche übernimmt bei erfolgreichen Programmen die weitere präklinische Entwicklung, regulatorische Aktivitäten, Herstellung und Vermarktung. Damit bleibt die risikoreiche Suche nach geeigneten Kombinationen zunächst bei Dualitas, während Roche seine Entwicklungs- und Kommerzialisierungskompetenz einbringt.

Man kennt sich

Bemerkenswert ist auch die personelle Verbindung zwischen den Unternehmen. Dualitas-Mitgründer und Chief Scientific Officer Greg Lazar arbeitete zuvor bei Genentech und hatte dort Forschungsgruppen geleitet. CEO Karim Dabbagh war vor seiner Zeit bei Dualitas unter anderem in leitenden Funktionen für Entzündungsforschung bei Roche tätig. Dabbagh kam im Juni 2026 zu Dualitas.

Die beiden Verbindungen allein erklären den Deal nicht – schließlich bringt Dualitas mit DualScreen eine Technologie mit, die für Roche strategisch interessant ist. Sie zeigen aber, wie eng die Netzwerke zwischen Pharma und den neu entstehenden Biotech-Plattformen inzwischen sind. Bei Roche und Dualitas trifft jedenfalls nicht nur eine passende Technologie auf einen in dieser Richtung schon agierenden Pharmakonzern: Man kennt man sich aus früheren gemeinsamen Strukturen und Forschungsgebieten.

Roche hat bereits Erfahrung

Für Roche sind bispezifische Antikörper keineswegs Neuland. Mit Hemlibra (Emicizumab) verfügt der Konzern über einen seit Jahren etablierten bispezifischen Antikörper gegen Hämophilie A. Lunsumio (Mosunetuzumab) und Columvi (Glofitamab) sind CD20xCD3-T-Zell-engagierende Bispezifika gegen B-Zell-Erkrankungen. Hinzu kommt Vabysmo (Faricimab), das VEGF-A und Angiopoietin-2 gleichzeitig adressiert.

Gerade die Hämatologie zeigt, wie Roche die Plattform weiterentwickelt. Lunsumio wird inzwischen in verschiedenen Therapielinien und Kombinationen untersucht; die am 17. September gemeldeten Phase-III-Daten der CELESTIMO-Studie zeigten eine signifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens bei zuvor behandelten Patienten mit follikulärem Lymphom. Eine Indikationserweiterung dürfte damit möglich werden. Mit Columvi verfolgt Roche ebenfalls Kombinationen und einen Einsatz in früheren Therapielinien.

Auch außerhalb der Onkologie erweitert Roche das Feld. Mit NXT007 entwickelt der Konzern einen nächsten bispezifischen Ansatz für Hämophilie A. In der Immunologie befinden sich unter anderem bispezifische Ansätze für Colitis ulcerosa und Lupus in der Entwicklung. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend von der ursprünglichen Domäne der T-Zell-Engager in der Krebsmedizin auf breitere immunologische Anwendungen.

Vom Krebs-Engager zur Plattformtechnologie

Das erklärt auch, weshalb der Dualitas-Deal über die reine Suche nach einem weiteren Medikament hinausgeht. Bispezifische Antikörper können zwei verschiedene Antigene oder Epitope gleichzeitig erkennen und dadurch Mechanismen ermöglichen, die mit einem klassischen monoklonalen Antikörper nicht erreichbar sind. In der Onkologie reicht das Spektrum von T-Zell-Engagern bis zu Konstrukten, die mehrere Signalwege gleichzeitig blockieren. Inzwischen werden auch höherwertige multispezifische Formate, konditional aktive Antikörper und bispezifische Konjugate untersucht.

Das Feld wächst entsprechend schnell. Eine aktuelle Übersicht zählt Anfang 2026 bereits 17 bispezifische beziehungsweise bispezifisch ähnliche zugelassene Produkte in den USA und/oder China; mehr als 200 weitere Moleküle befanden sich bereits 2024 in präklinischer oder klinischer Entwicklung. Die Herausforderung besteht damit zunehmend nicht mehr darin, überhaupt einen bispezifischen Antikörper bauen zu können, sondern die richtigen Zielkombinationen, Formate und Dosierungsschemata zu finden und dabei Wirksamkeit und Sicherheit zusammenzubringen.

Herstellbarkeit bleibt ein großes Thema

Dennoch bleibt auch die Herstellbarkeit der sich theoretisch schön ausgedachten Molekülvielfalt, die wie beim Lego munter unterschiedliche Funktionsfragmente zusammensetzt und kombiniert, eine Herausforderung, die oft erst in der Praxis wirklich ausgetestet werden kann. Je komplexer, desto geringer können die Ausbeuten sein. Doch Upstream des Produtkionsprozesses können auch noch in der Kombinatorik Verbesserungen in den Prozess hereingeholt werden.

Genau hier setzt Dualitas an: Statt zunächst eine begrenzte Zahl biologisch plausibler Target-Paare auszuwählen, soll die Plattform die Zahl der getesteten Kombinationen drastisch erhöhen. Für Roche ist das ein Zugang zu neuer Biologie und zu einem Suchraum, den der Konzern mit eigenen Forschungsressourcen allein nur schwer in vergleichbarer Breite bearbeiten könnte.

Das passt zur Entwicklung des Roche-Portfolios: Aus einer Technologie, die mit Hemlibra früh einen kommerziellen Durchbruch erzielte, ist inzwischen eine ganze Familie unterschiedlicher bispezifischer Ansätze geworden. Mit Dualitas kommt nun ein Werkzeug hinzu, das noch eine Stufe früher ansetzt, nämlich bei der Frage, welche zwei Zielstrukturen überhaupt sinnvoll miteinander verbunden werden sollten.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter