
Organoide bleiben spannend: Bruker steigt bei MIMETAS ein
Der US-amerikanische Messtechnikhersteller Bruker mit starken deutschen Wurzeln in Karlsruhe und Bremen beteiligt sich mehrheitlich am niederländischen Organ-on-a-Chip-Spezialisten MIMETAS. Der Deal zeigt, dass aus menschlichen Gewebe- und Organoidmodellen zunehmend eine industrielle Plattform für die Wirkstoffforschung wird. In Europa hat die Konsolidierung begonnen; Pharmafirmen und Laborzulieferer haben bereits Firmen aus dem Sektor akquiriert.
Bei Bruker denken heute wohl die meisten an eine US-amerikanische Firma, die sich gerade in den vergangenen Monaten sehr aktiv beim Firmenshopping zeigt. Doch die eigentlichen Wurzeln des Unternehmens liegen in Karlsruhe. Dort und in Bremen sind auch heute noch die Hauptstandorte, wenn es um die eigene Forschung geht, von Röntgengeräten bis Massenspektrometrie. Der Zukauf von weiterer Technologie hat ebenfalls seinen Schwerpunkt in Europa.
Nun baut Bruker sein Geschäft mit Technologien für die präklinische Forschung aus: Der von der Gründerfamilie Laukien inzwischen von den USA aus geführte Konzern übernimmt eine Mehrheitsbeteiligung an MIMETAS in Leiden, Niederlande. Finanzielle Details wurden nicht genannt. Das Unternehmen soll unter eigenem Namen und mit dem bisherigen Management weiterarbeiten.
Omics-Technologien werden auf Organoide angepasst
Interessant ist der Deal vor allem wegen der Technologiekombination. MIMETAS entwickelt mit seiner OrganoPlate-Plattform sogenannte Organ-on-a-Chip-Systeme, in denen menschliche Gewebe unter kontrollierten Bedingungen kultiviert und untersucht werden können. Die Systeme verbinden Mikrofluidik mit einem für Hochdurchsatzverfahren geeigneten Plattenformat. Zum Portfolio gehören unter anderem Modelle für Darm, Leber, Lunge und Gefäßsysteme sowie aus Organoiden abgeleitete Gewebemodelle.
Bruker bringt dazu Technologien für Proteomik, Metabolomik, NMR, Spatial Biology und präklinische Bildgebung ein. Aus den bisher eher getrennten Bausteinen soll damit eine integrierte Forschungsplattform entstehen: menschliches Gewebe als Modell, kombiniert mit immer leistungsfähigerer molekularer und räumlicher Analyse.
„Die menschliche Physiologie realistisch abbildende Gewebe- und Krankheitsmodelle werden für das Verständnis von Krankheitsbiologie und die Bewertung von Wirkstoffkandidaten zunehmend wichtiger“, sagte Bruker-CEO Frank Laukien. Mikrophysiologische Systeme (MPS) beziehungsweise New Approach Methodologies (NAMs) hätten eine „große Zukunft“ vor sich, so Laukien weiter. Auch die FDA hatte zuletzt neue Regeln erlassen, die den NAMs den Vortritt gegenüber Tierversuchen einräumen, mit einiger Zeit für die Veränderung und Raum für Validierung der Organoid-Systeme.
Vom Organoid zur industriellen Plattform
Der strategische Punkt geht über die einzelne Akquisition hinaus. Organoide und Organ-on-a-Chip-Systeme sollen klassische Zellkulturen und perspektivisch Teile von Tierversuchen ergänzen oder ersetzen. Ihr entscheidender Vorteil: Sie basieren auf menschlichen Zellen und können bestimmte physiologische und krankheitsrelevante Prozesse wesentlich näher am Menschen abbilden als einfache zweidimensionale Zellkulturen.
Noch ist daraus allerdings kein universeller Ersatz für Tierversuche geworden. Standardisierung, Reproduzierbarkeit, Skalierbarkeit und die Frage, wie gut einzelne Modelle tatsächlich klinische Ergebnisse vorhersagen, bleiben zentrale Herausforderungen. Gerade deshalb ist die Verbindung mit Automatisierung, Bildgebung, Omics und Datenanalyse so wichtig.
Der Trend bekommt zugleich regulatorischen Rückenwind. Die europäischen und US-amerikanischen Behörden öffnen sich zunehmend für sogenannte NAMs. In Großbritannien wurde gerade ein mit 20 Mio. £ finanziertes Programm angekündigt, das standardisierte Organoide aus Patientenmaterial für Forschung und pharmazeutische Entwicklung aufbauen soll.
Merck und Sartorius haben den Trend bereits erkannt
Bruker ist zudem keineswegs der erste Life-Science-Konzern, der sich in diesem Feld verstärkt. Die Merck KGaA (Darmstadt) übernahm Ende 2024 die niederländische HUB Organoids. Das Unternehmen aus Utrecht gilt als Pionier bei Organoidmodellen. Die Übernahme wurde im Dezember 2024 abgeschlossen und in Mercks Life-Science-Geschäft integriert. HUB ergänzt dort das bestehende Portfolio aus Zellkulturmedien, Reagenzien und Laborinstrumenten.
Auch Sartorius hat sein Portfolio in diese Richtung erweitert. Der Göttinger Konzern übernahm 2025 das Mikrogewebe-Geschäft MatTek einschließlich Visikol vom schwedischen BICO-Konzern. MatTek entwickelt 3D-Mikrogewebe und Primärzellmodelle. Sartorius sieht darin eine Ergänzung zu seinen Zellanalysesystemen, Reagenzien und KI-Modellen für die Wirkstoffentwicklung. Die Übernahme wurde im Juli 2025 abgeschlossen.
Damit zeichnet sich ein Muster ab: Die großen Life-Science-Anbieter kaufen nicht unbedingt komplette Organoidunternehmen, um selbst Arzneimittel zu entwickeln. Sie bauen vielmehr Werkzeugkästen für die nächste Generation der Wirkstoffforschung auf.
Europas starke Position
Bemerkenswert ist dabei die europäische Geografie. MIMETAS und HUB Organoids stammen aus den Niederlanden, Sartorius aus Deutschland. Hinzu kommen Unternehmen wie InSphero in der Schweiz, das auf 3D-Zell- und Mikrotissue-Modelle spezialisiert ist, sowie eine wachsende Zahl von Organ-on-a-Chip- und Organoid-Spezialisten in Deutschland (wie etwa TissUse oder Cellbricks, beide in Berlin), Österreich (Heartbeat.bio, a:head, beide in Wien) Großbritannien, den Niederlanden und Skandinavien.
Die Niederlande haben sich dabei zu einem wichtigen europäischen Cluster entwickelt. Der Utrecht Science Park bringt Forschung, Unternehmen und Pharmaanwender rund um Organ-on-a-Chip und Organoide zusammen; auch MIMETAS ist dort stark verankert.
Parallel entstehen europaweite Forschungsprogramme. Das EU-Projekt PHOENIX beispielsweise entwickelt Organ-on-a-Chip-Systeme für Herz- sowie neuromuskuläre Erkrankungen und verbindet Partner aus fünf europäischen Ländern.
Die eigentliche Wette lautet: bessere Daten
Der Bruker-MIMETAS-Deal macht deshalb einen größeren Wandel sichtbar. Die nächste Generation präklinischer Forschung dürfte nicht allein aus „besseren Organoiden“ bestehen. Entscheidend wird sein, menschliche Modelle mit automatisierter Messung, Multiomics, Bildgebung und KI zu verbinden.
Genau hier liegt die Logik hinter der Transaktion: MIMETAS liefert die menschlich relevantere Biologie, Bruker die analytische Infrastruktur. Gemeinsam sollen daraus Daten entstehen, die sich früher im Entwicklungsprozess für Entscheidungen über Targets, Wirkstoffkandidaten, Wirksamkeit und Sicherheit nutzen lassen.
Das könnte auch die Rolle von Organoiden verändern. Aus spezialisierten Forschungsmodellen werden zunehmend standardisierte, automatisierbare Produkte und Dienstleistungen – und damit ein Markt, den die großen europäischen Life-Science-Anbieter offenbar nicht mehr den Start-ups überlassen wollen. Oder man macht es wie der Schweizer Roche-Konzern und investiert in ein ganz eigenes Forschungsinstitut der Humanbiologie, das einzig und alleine neue Organoidmodellsysteme entwickeln soll – für die eigene Pipeline.
Bruker setzt mit MIMETAS jedenfalls weniger auf einen einzelnen neuen Labortest als auf eine Infrastruktur für die präklinische Forschung nach dem klassischen Zellkulturmodell. Und die Übernahmen von HUB Organoids durch Merck und MatTek durch Sartorius zeigen, dass diese Entwicklung in Europa bereits deutlich weiter fortgeschritten ist, als es die noch junge Terminologie „Next Generation Biology“ vermuten lässt.

Mendjan/IMBA
Graph Therapeutics Flexco
Radhika Patnala, Sci-Illustrate, endosymbiont.com