Nouscom AG

Schweizer Nouscom sammelt in Serie D 120 Mio. Euro für Krebsprävention

Millionen für Basler Nouscom: Das Schweizer Biotech-Unternehmen will seinen Impfstoff NOUS-209 in eine globale zulassungsrelevante Studie bei Menschen mit Lynch-Syndrom bringen. Erste Langzeitdaten liefern ein klinisches Signal – der Nachweis, dass sich Krebs tatsächlich verhindern lässt, steht aber noch aus.

ANZEIGE

Krebs behandeln, bevor er entsteht: An diesem Ziel arbeitet das Schweizer Biotech-Unternehmen Nouscom mit seinem Kandidaten NOUS-209. Für die weitere Entwicklung hat das Unternehmen nun 120 Mio. Euro in einer überzeichneten Serie-D-Finanzierungsrunde eingesammelt. Das Kapital soll eine globale, zulassungsrelevante klinische Studie ermöglichen, in der die experimentelle Immuntherapie bei Menschen mit Lynch-Syndrom geprüft werden soll. Für den Ansatz hat die US-Arzneimittelbehörde FDA bereits den Fast-Track-Status vergeben.

Die Finanzierungsrunde wurde von M Ventures und Revelation Partners gemeinsam angeführt. Neu eingestiegen sind Angelini Industries, die Europäische Investitionsbank über ihre Co-Investitionsfazilität Aurea sowie Neva SGR aus der Intesa-Sanpaolo-Gruppe. Auch sämtliche bisherigen Investoren beteiligten sich. Zum Kreis gehören unter anderem 5AM Ventures, Andera Partners (die bei der Serie C-Runde 2023 dazugestoßen sind), Bpifrance, CDP Venture Capital, EQT Life Sciences, Versant Ventures und XGEN Ventures. Die breite Beteiligung bestehender Geldgeber und die neuen Investoren geben Nouscom Spielraum für den nächsten klinischen Entwicklungsschritt.

Impfstoff gegen das erbliche Krebsrisiko

NOUS-209 richtet sich an Menschen mit Lynch-Syndrom. Bei dieser erblichen Erkrankung sind Gene betroffen, die normalerweise Fehler bei der DNA-Reparatur beheben. Dadurch steigt das Risiko, im Laufe des Lebens bestimmte Krebsarten zu entwickeln, insbesondere Darmkrebs. Je nach genetischer Veränderung kann das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs laut den von Nouscom angeführten Daten bis zu 50 Prozent betragen; auch das Risiko für Gebärmutterkörper- und bestimmte Harnwegstumoren ist erhöht.

Die bisherige Betreuung von Betroffenen setzt vor allem auf engmaschige Vorsorgeuntersuchungen und gegebenenfalls operative Eingriffe. Nouscom will früher ansetzen: Der Impfstoff soll das Immunsystem darauf trainieren, veränderte Zellen zu erkennen und zu beseitigen, bevor sich daraus fortgeschrittene Krebsvorstufen oder Tumoren entwickeln.

Anders als individualisierte Krebsimpfstoffe wird NOUS-209 nicht für jeden Patienten anhand seiner persönlichen Tumormutationen hergestellt. Der Kandidat nutzt zwei virale Vektoren, um 209 gemeinsam vorkommende sogenannte Frameshift-Neoantigene zu präsentieren. Diese entstehen durch Fehler in der DNA-Reparatur und finden sich typischerweise in Tumoren mit Mikrosatelliteninstabilität beziehungsweise defekter DNA-Mismatch-Reparatur. Die Idee: Das Immunsystem soll gegen charakteristische Merkmale solcher Zellen aktiviert werden, noch bevor ein Krebs klinisch entsteht.

Ermutigende Daten, aber noch kein Wirksamkeitsbeweis

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält das Programm durch Langzeitdaten aus einer Phase-1b/2-Studie, die Nouscom beim diesjährigen Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Madrid präsentieren will. Laut dem veröffentlichten Abstract entwickelten die auswertbaren Teilnehmer nach der Impfung bei den Kontrollen nach einem beziehungsweise zwei Jahren weder fortgeschrittene Adenome – also fortgeschrittene Krebsvorstufen – noch Darmkrebs. Die Auswertung umfasste 43 Teilnehmer zum ersten und 17 zum zweiten Jahr.

Zudem löste NOUS-209 breite und anhaltende T-Zell-Antworten gegen die adressierten Neoantigene aus. Eine jährliche erneute Impfung verstärkte diese Immunantworten nach Unternehmensangaben weiter.

Die Ergebnisse sind ein frühes Signal für das Potenzial des Ansatzes, müssen aber vorsichtig eingeordnet werden. Die Zahl der auswertbaren Teilnehmer ist begrenzt; insbesondere liegen für den Zweijahreszeitpunkt Daten von 17 Personen vor. Zudem handelt es sich nicht um den Nachweis aus einer kontrollierten Studie, die eine tatsächliche Verringerung der Krebsinzidenz belegt. Der Vergleich mit erwarteten Ereignissen in vergleichbaren Lynch-Syndrom-Populationen liefert eine Orientierung, ersetzt aber keine prospektive Kontrollgruppe.

Die nächste Entwicklungsstufe soll deshalb klären, ob sich der beobachtete Effekt in einer größeren Studie bestätigt. Als primären Endpunkt der geplanten zulassungsrelevanten Untersuchung hat Nouscom das ereignisfreie Überleben genannt, wobei sowohl Krebsvorstufen als auch Krebserkrankungen berücksichtigt werden sollen. Weitere Einzelheiten zum Studiendesign will das Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben.

Fokus verschiebt sich zur Prävention

NOUS-209 wird auch bei fortgeschrittenem Darmkrebs untersucht, unter anderem in Phase-II-Studien in Kombination mit dem Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab. Strategisch will Nouscom den Schwerpunkt des Programms nun jedoch auf die Krebsprävention bei Menschen mit Lynch-Syndrom legen. Das Unternehmen sieht gerade hier einen Vorteil eines standardisierten Impfstoffs, der nicht für jeden Patienten individuell hergestellt werden muss.

Neben NOUS-209 gehört mit NOUS-PEV auch eine personalisierte Neoantigen-Immuntherapie zur Pipeline. Unmittelbar im Mittelpunkt steht aber die Frage, ob sich das Konzept der Krebsinterzeption klinisch und regulatorisch weiterentwickeln lässt. Die 120 Mio. Euro sollen dafür die Grundlage schaffen. Der entscheidende Wertbeitrag wird nicht allein in der Aktivierung des Immunsystems liegen, sondern darin, ob sich damit bei einer Hochrisikogruppe tatsächlich Krebsvorstufen und Tumorerkrankungen verhindern lassen.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter