
Strüngmann Award wird europäischer und würdigt neue Biotech-Generation
Mit dem Strüngmann Award wollen Thomas und Andreas Strüngmann nicht ihr eigenes Vermächtnis feiern, sondern die nächste Generation von Biotech-Unternehmern sichtbarer machen. Der mit 100.000 Euro dotierte Preis zeichnete Mitte September zum dritten Mal Gründer aus, bei denen aus wissenschaftlicher Innovation bereits ein belastbares Unternehmen mit klinischer oder wirtschaftlicher Perspektive geworden ist. 2026 ist der Blick mit den drei Finalisten noch auf den deutschsprachigen Raum gerichtet, gewonnen hat Jonathan Talbot, der Gründer und ehemalige CEO von Mosanna Therapeutics (Schweiz), der aber mittlerweile schon mit neuen Start-ups unterwegs ist.
Aus der wissenschaftlichen Idee muss ein Unternehmen werden, das Kapital anzieht, ein Team zusammenbringt und letztlich muss die Idee den Weg zu Patienten finden oder zu marktfähigen Produkten werden. Hier setzt der Strüngmann Award an. Der 2024 erstmals vergebene Preis soll Biotech-Unternehmer auszeichnen, die diesen Schritt bereits weit gegangen sind, aber noch an der Schwelle zum erfolgreichen Markteintritt stehen. Mit 100.000 Euro ist die Auszeichnung der beiden Hexal-Gründer und Biotech-Investoren zwar hoch dotiert, das Preisgeld steht jedoch nicht im Mittelpunkt.
Zwischen Wissenschaft und etabliertem Erfolg
Die Innovation müsse tatsächlich disruptiv sein, sagt Matthias Kromayer, Life-Science-Verantwortlicher bei MIG Capital und Mitglied der Jury. Entscheidend sei aber ebenso die Übersetzung: Kommt die Technologie in die Klinik oder entstehen daraus vermarktbare Produkte? Berücksichtigt werden außerdem die Fähigkeit, Kapital einzuwerben und in Wert zu verwandeln, sowie Führungsqualität und der Aufbau eines leistungsfähigen Teams.
Damit soll gerade nicht der „Einzelkämpfer“ als Gründerideal ausgezeichnet werden. Auch ein Wissenschaftler mit einer interessanten Idee allein genügt nicht. Gesucht werden Menschen, deren wissenschaftliche Ambitionen bereits den Realitätstest des Unternehmensaufbaus bestanden haben.
Die ersten beiden Preisträger zeigen, wie eng dieser Anspruch mit konkreten Entwicklungsschritten verbunden ist. 2024 ging der Award an Samir Ounzain und Daniel Blessing, die Gründer von HAYA Therapeutics. Das Schweizer RNA-Biotech schloss anschließend eine Kooperation mit Eli Lilly mit einem potenziellen Wert von bis zu 1 Mrd. US-Dollar und brachte seinen führenden Wirkstoffkandidaten HTX-001 in die klinische Phase I.
Im Jahr darauf wurden Dragan Grabulovski, Philipp Spycher und Isabella Attinger-Toller, die Gründer von Araris Biotech, ausgezeichnet. Kurz darauf vereinbarte Taiho Pharmaceutical die Übernahme des Schweizer ADC-Unternehmens für bis zu 1,14 Mrd. US-Dollar.
Der Preis sucht damit nicht zwingend die größten Unternehmen, sondern Gründer, bei denen sich abzeichnet, dass aus wissenschaftlicher Substanz ein Unternehmen mit erheblichem Entwicklungspotenzial entstehen kann.
Drei unterschiedliche Wege in die Unternehmensgründung
Auch die drei Finalisten 2026 verkörpern unterschiedliche Wege in die unternehmerische Verantwortung.
Stefano Portolano, CEO von Azafaros aus Leiden in Belgien, wechselte nach Medizin und Grundlagenforschung 1998 zu Genzyme – zu einer Zeit, als seltene Erkrankungen noch weit weniger Aufmerksamkeit erhielten als heutzutage. Wieland Sommer, Gründer von Jacobian, gab dagegen eine bereits etablierte akademische Karriere auf: Er war einer der jüngsten Professoren für Radiologie an der LMU München. Jonathan Talbot, CEO von Mosanna Therapeutics und Melodia Therapeutics, entschied sich früh gegen den vermeintlich sicheren Weg ins Investmentbanking und für die Biotechnologie.
So unterschiedlich die Werdegänge und Unternehmenskonzepte der Finalisten auch sind, sie alle haben der Preisverleihung in München entgegengefiebert, an der auch eine Schar ausgewählter Akteure aus dem zentraleuropäischen Biotech-Ökosystem teilgenommen hat: Investoren, Unternehmer, Multiplikatoren und Vernetzungskünstler.
Gewinner Jonathan Talbot
Der Biotech-Unternehmer Dr. Jonathan Talbot wurde bei der feierlichen Preisverleihung aus dem Finalistenkreis ausgewählt und mit dem Strüngmann Award 2026 ausgezeichnet. „Dr. Jonathan Talbot zeichnet eine besondere unternehmerische Stärke aus: Er erkennt wissenschaftliches Potenzial und leitet daraus mit Überzeugung und Disziplin neue therapeutische Entwicklungschancen ab“, sagten Dres. Andreas und Thomas Strüngmann. Zugleich würdigten sie die beiden weiteren Finalisten Dr. Stefano Portolano und Prof. Dr. Wieland Sommer für ihre herausragenden Leistungen und unterschiedlichen unternehmerischen Wege.
„Biotech-Gründer zu sein bedeutet für mich, wissenschaftliche Chancen zu ergreifen, immer wieder neu zu bewerten und konsequent in tragfähige Unternehmenskonzepte zu überführen“, sagte Talbot. Der Award sei zugleich eine Anerkennung der Menschen, mit denen er Unternehmen aufgebaut habe.
Gespür für wissenschaftliche Potenziale und strategischer Unternehmensaufbau
Talbot hat mehrere Life-Sciences-Start-ups aufgebaut und bis in die klinische Entwicklung geführt. Bei einem zuvor eingestellten Wirkstoff gegen obstruktive Schlafapnoe erkannte er neues Potenzial und gründete Mosanna Therapeutics. Unter seiner Führung brachte das Unternehmen das Programm zurück in die klinische Entwicklung und sicherte sich über mehrere Finanzierungsrunden mehr als 80 Mio. US-Dollar.
Talbot trat danach vom CEO-Posten zurück und widmet sich seither erneut der Suche nach Wirkstoffkandidaten, die eine „zweite Chance“ bekommen könnten. Heute leitet Talbot Melodia Therapeutics, das orale Therapien für schwere, neutrophilengetriebene entzündliche Erkrankungen entwickelt. Im Fokus steht ein DPP1-Inhibitor der nächsten Generation, der sich derzeit in der präklinischen Entwicklung befindet. Dazu ist er Mitgründer von Heparin Therapeutics, das Heparin über eine orale oder nasale Verabreichung einfacher verfügbar machen will. Gegenüber |transkript beschrieb sich Talbot als jemand, der seine Motivation aus dem Erreichen des nächsten möglichen Meilensteins zieht. Auf der Preisverleihung wies er zudem darauf hin, dass er oft genug auch von Investoren abgewiesen wurde oder Rückschläge zu verkraften hatte. Es helfe dabei nicht, bei sich selber die Schuld zu suchen, sondern man müsse einfach seinem aus guten Gründen eingeschlagenen Weg folgen und sich nicht abbringen lassen.
Vom Strüngmann-Modell zum europäischen Preis
Der Award ist eng mit der Investitionsphilosophie der Strüngmann-Brüder verbunden. Thomas und Andreas Strüngmann gründeten 1986 den Generikahersteller Hexal und verkauften das Unternehmen 2005 zusammen mit ihrer Beteiligung am US-Generikaanbieter Eon Labs für insgesamt 5,65 Mrd. Euro an Novartis. Einen Teil des daraus entstandenen Kapitals investierten sie anschließend in junge Life-Science-Unternehmen.
Am bekanntesten ist ihr frühes Engagement bei BioNTech: Die Brüder und MIG Fonds gehörten zu den Investoren der 2008 gegründeten Firma (nachdem sie bereits am ersten Unternehmen des Mainzer Ehepaares Türeci/Sahin seit 2001 beteiligt waren, das 2016 für 400 Mio. US-Dollar an Astellas ging) und stellten gemeinsam mit anderen Kapitalgebern eine Seed-Finanzierung von 180 Mio. US-Dollar bereit. Das Family Office Athos ist bis heute ein bedeutender Aktionär mit dem Vernehmen nach rund 40% Anteilen.
Der Preis kann die strukturellen Probleme des europäischen Biotech-Ökosystems nicht lösen. Europas Kapitalmärkte sind fragmentiert, ebenso Regulierung, Preisbildung und Marktzugang. Gleichzeitig ist die Verfügbarkeit erfahrener Führungskräfte nach Einschätzung der Jury heute deutlich besser als noch vor einem Jahrzehnt. Ab der diesjährigen Verleihung soll der Blick stärker auf Europa als Ganzes gerichtet werden. Damit wächst zugleich der Anspruch des Preises: Er soll nicht nur ein Spiegel der Strüngmann-Investments sein, sondern eine Plattform für europäische Biotech-Unternehmer werden, für die nächste Biotech-Generation.

Thomas Lohnes / Sanofi
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