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WACKER vermarktet Berberin global

Der Münchner Chemiekonzern WACKER erhält die weltweiten Vertriebsrechte für einen vom Regensburger Start-up EVANIUM Healthcare formulierten Pflanzenstoff. OPTISOLV soll dessen Löslichkeit und Aufnahme verbessern. Ob daraus ein wirksameres Nahrungsergänzungsmittel wird, ist klinisch allerdings noch nicht belegt. Für die Vermarktung – gerade in den USA – scheint das aber eher eine Nebensache zu sein.

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Nahrungsergänzungsmittel für Stoffwechsel, Gewichtsmanagement und „Longevity“ boomen. Mit dem Erfolg von GLP-1-Medikamenten wie Semaglutid ist die Nachfrage nach Produkten gestiegen, die beim Abnehmen helfen oder den Stoffwechsel unterstützen sollen. In diesem Umfeld positionieren WACKER und das Regensburger Unternehmen EVANIUM nun einen neu formulierten Berberin-Inhaltsstoff. WACKER übernimmt dafür die exklusiven weltweiten Vertriebsrechte. Vermarktet wird das Produkt als CAVABERINE, powered by OPTISOLV.

Der interessantere Teil der Nachricht steckt weniger im Pflanzenstoff selbst als in seiner Formulierung. Berberin wird seit Langem in Nahrungsergänzungsmitteln angeboten und ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Allerdings ist der Stoff aus der Berberitze schlecht wasserlöslich und wird nach oraler Einnahme nur begrenzt aufgenommen. EVANIUM will dieses Problem mit einer Doppelbeschichtung lösen. Die Technologie könnte damit ein grundsätzliches Hindernis bei der Entwicklung pflanzenbasierter Inhaltsstoffe adressieren: Was auf dem Etikett steht, muss nicht in gleicher Menge im Körper verfügbar sein.

Ein Trägersystem für schwer lösliche Wirkstoffe

OPTISOLV kombiniert einen inneren, auf Cyclodextrin basierenden Kern mit einer äußeren Phospholipidhülle. Cyclodextrine sind ringförmige Moleküle aus Zuckerbausteinen, die andere Moleküle in ihrer Struktur einlagern und so deren Verhalten in wässriger Umgebung verändern können. Die äußere Hülle soll die Formulierung zusätzlich stabilisieren und die Freisetzung sowie den Transport des Inhaltsstoffs unterstützen.

EVANIUM zufolge wird Berberin durch das Verfahren in einem kristallfreien Zustand stabilisiert. Das soll verhindern, dass sich der Stoff während der Verdauung nur langsam oder unvollständig löst. Das Unternehmen berichtet von einer bis zu zehnfach schnelleren Freisetzung und einer 13,7-fach höheren Aufnahme im Vergleich zu nativem Berberin. Diese Angaben beruhen auf präklinischen Untersuchungen, darunter Tests in simulierten Verdauungsmedien und Transportmessungen mit menschlichen Darmzellmodellen. Sie sind kein Nachweis einer entsprechend höheren Bioverfügbarkeit im Menschen.

Erst eine pharmakokinetische Untersuchung am Menschen kann zuverlässig bestimmen, ob und in welchem Umfang die Formulierung die Konzentration des Stoffes im Blut verändert. Und selbst eine höhere Konzentration im Blut belegt noch nicht, dass ein Nahrungsergänzungsmittel einen messbaren gesundheitlichen Nutzen bringt. Diese Daten liegen bisher jedoch nicht vor und an dieser Stelle wird es für die diversen Zusatzstoffe in allerlei Nachrungsergänzungsmittelprodukten auch heikel. Denn eine klinisch-pharmakologische Wirkung (Heilung oder Linderung von Krankheiten) ist bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) gesetzlich strikt zu vermeiden und regulatorisch verboten. Sobald ein Produkt eine gezielte pharmakologische, metabolische oder immunologische Wirkung im Körper entfaltet, um Krankheiten zu therapieren, gilt es rechtlich als Arzneimittel.

Sogenannte Health Claims – die positiven Auswirkungen des Produkts auf die Gesundheit – werden von der EU äußerst strikt kontrolliert und überwacht. Gerade in letzter Zeit wurde die Beobachtung nochmals verstärkt, um der Welle der Diätprodukte unklarer Sinnhaftigkeit Herr werden zu können. Es ist also ein Balanceakt in diesem Bereich noch als Nahrung, aber noch nicht als Medizin verortet zu werden.

Berberin – kein pflanzliches Abnehmmedikament

Berberin ist ein pflanzliches Alkaloid, das unter anderem in Berberitzengewächsen vorkommt. Es beeinflusst verschiedene Stoffwechselprozesse und wird vor allem im Zusammenhang mit Blutzucker- und Blutfettwerten untersucht. Die klinische Evidenz ist dabei nicht gleichbedeutend mit einem Wirksamkeitsnachweis für beliebige Nahrungsergänzungsmittel.

Metaanalysen randomisierter Studien finden Hinweise auf Verbesserungen einzelner Stoffwechselparameter, darunter Nüchternblutzucker, Triglyceride und LDL-Cholesterin. Die untersuchten Studien unterscheiden sich allerdings erheblich hinsichtlich Populationen, Dosierungen und Studiendesign. Viele waren relativ kurz; die Qualität der Evidenz und die Übertragbarkeit auf die breite Bevölkerung bleiben begrenzt. Auch die Gewichtsabnahme fällt in einer 2025 veröffentlichten Metaanalyse mit durchschnittlich rund 0,9 Kilogramm gegenüber Kontrollgruppen eher moderat aus.

Wie vorsichtig solche Ergebnisse zu interpretieren sind, zeigt eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie mit 337 Menschen mit Adipositas und metabolisch assoziierter Fettlebererkrankung. Berberin in einer Dosierung von einem Gramm täglich führte über den Untersuchungszeitraum zu keiner signifikanten Verbesserung des viszeralen Fettgewebes oder des Leberfettanteils gegenüber Placebo. Bei einzelnen Blutfett- und Entzündungswerten zeigten sich jedoch Unterschiede. Das unterstreicht, dass sich Effekte auf bestimmte Laborparameter nicht ohne weiteres in eine relevante Gewichtsabnahme übersetzen lassen.

Auch der Vergleich mit GLP-1-Medikamenten ist deshalb irreführend, wenn er suggeriert, pflanzliche Präparate könnten eine vergleichbare Wirkung entfalten. Für Berberin gibt es bislang keinen vergleichbaren klinischen Nachweis einer ausgeprägten, anhaltenden Gewichtsreduktion. Der Begriff „natürlich“ sagt zudem nichts darüber aus, ob ein Stoff neben möglichen Wirkungen auch Risiken oder Wechselwirkungen mit Arzneimitteln hat. Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health weist ausdrücklich auf mögliche Wechselwirkungen hin und rät etwa von Berberin während Schwangerschaft und Stillzeit ab.

Bessere Aufnahme ist noch keine bessere Wirkung

Für EVANIUM und WACKER liegt die Chance darin, die technische Formulierung als eigenständigen Wertbeitrag zu vermarkten. Wenn ein Inhaltsstoff besser löslich und im Darm besser verfügbar wird, könnte eine geringere Menge ausreichen, um eine vergleichbare Exposition zu erreichen. Das wäre für die Produktentwicklung relevant – etwa, wenn hohe Dosen bislang die Einnahme erschweren oder Magen-Darm-Beschwerden begünstigen.

Die verbesserte Löslichkeit könnte mehr sein als ein technologischer Vorteil: Sie könnte die Grundlage dafür schaffen, das klinische Potenzial von Berberin unter günstigeren Bedingungen zu untersuchen. Wenn der Wirkstoff in einer geeigneteren Formulierung besser verfügbar wird, lässt sich in Humanstudien prüfen, ob dies tatsächlich zu einer stärkeren oder besser reproduzierbaren Wirkung führt und ob sich gegebenenfalls die Dosis reduzieren lässt. Bislang ist das allerdings eine plausible Hypothese, kein klinischer Befund. Die bisher veröffentlichten Daten zu OPTISOLV stammen aus präklinischen Modellen; ob die Formulierung beim Menschen die Bioverfügbarkeit und letztlich den therapeutischen Nutzen verbessert, müssen erst entsprechende Studien zeigen.

US-Markt dominiert

Die Zusammenarbeit passt zu WACKERs Strategie, das Geschäft mit Inhaltsstoffen für Nahrungsergänzungsmittel über Partnerschaften auszubauen. Das Unternehmen bringt seine Erfahrung mit Cyclodextrinen, regulatorische Expertise und ein internationales Vertriebsnetz ein. EVANIUM steuert die Formulierungstechnologie bei. Der Inhaltsstoff wurde bei der Vitafoods Europe Startup Challenge 2026 ausgezeichnet; eine solche Branchenprämierung würdigt die Innovation, sagt aber nichts zur klinischen Evidenz.

Als nächstes steuern die Partner nun den US-Markt an. Nicht ohne Grund, denn die USA sind der größte Einzelmarkt für Nahrungsergänzungsmittel zur Stoffwechselgesundheit und daher der kommerzielle Schwerpunkt vieler Neuerungen in dem Sektor mit eigenen Branchenveranstaltungen und jeder Menge Marketingaktivitäten darum herum. Das weltweite Marktvolumen für Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtsreduktion wird für das Jahr 2026 auf 35,8 Mrd. USD geschätzt. Dabei machen die USA derzeit rund 40% aus. Laut Market.US soll sich der Weltmarkt in diesem Sektor bis 2035 jedoch auf rund 130 Mrd. USD etwa verdreifachen.

Im boomenden Markt für Nahrungsergänzungsmittel bleibt die entscheidende Frage für die Marktpositionierung trotzdem zu klären: Nicht wie viel Wirkstoff in einer Kapsel steckt, sondern was davon aufgenommen wird – und ob das am Ende einen nachweisbaren gesundheitlichen Nutzen hat.

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