
Zwei an einem Tag: Roche baut mit Milliarden-Deals externe Pipeline aus
Roche hat an einem Tag zwei neue Forschungskooperationen mit Atavistik Bio und Earendil Labs vereinbart. Zusammen könnten die Deals mehr als 3,47 Mrd. US-Dollar wert sein. Besonders Earendil zeigt, wie stark Big Pharma inzwischen auf externe Plattformen und frühe Programme setzt.
Roche geht bei der Suche nach neuen Wirkstoffen derzeit gleich mehrfach auf die Biotech-Branche zu. An einem Tag vereinbarte der Pharmakonzern zwei neue Forschungskooperationen mit einem möglichen Gesamtvolumen von mehr als 3,47 Mrd. US-Dollar. 125 Mio. US-Dollar davon fließen als Vorauszahlungen.
Mit Atavistik Bio aus Cambridge, Massachusetts (USA), will Roche die AMPS-Plattform des Unternehmens nutzen, um neue allosterische Wirkstoffe für kardiovaskuläre, renale und metabolische Erkrankungen zu finden. Atavistik erhält 70 Mio. US-Dollar vorab und kann bis zu 1,9 Mrd. US-Dollar an Forschungs-, Entwicklungs- und Vermarktungsmeilensteinen sowie Umsatzbeteiligungen erhalten. Die Biotech-Firma übernimmt die frühe Entdeckung und Forschung, Roche die weitere präklinische und klinische Entwicklung sowie Zulassung und Vermarktung.
Earendil wird zum wiederholten Partner
Noch bemerkenswerter ist der zweite Deal: Roches Tochter Genentech zahlt 55 Mio. US-Dollar vorab an Earendil Labs und kann für mehrere bispezifische Antikörperprogramme in der Onkologie mehr als 1,5 Mrd. US-Dollar an Entwicklungs-, Zulassungs- und Vertriebsmeilensteinen ausschütten. Earendil soll die Antikörper entdecken und bis in die frühe klinische Entwicklung bringen; Genentech übernimmt danach die globale Entwicklung und Vermarktung. Welche Zielkombinationen bearbeitet werden, wurde nicht bekanntgegeben.
Für Earendil ist Roche allerdings keineswegs der erste Big-Pharma-Kunde. Bereits im April 2025 hatte Sanofi dem bislang vergleichsweise wenig bekannten US-amerikanischen Unternehmen 125 Mio. US-Dollar upfront für die weltweiten Rechte an zwei bispezifischen Antikörpern gezahlt. Die Programme HXN-1002 und HXN-1003 zielen auf Autoimmun- und entzündliche Darmerkrankungen; insgesamt standen bis zu 1,72 Mrd. US-Dollar an Entwicklungs- und Vermarktungsmeilensteinen plus Royalties im Raum.
Im Januar 2026 folgte die nächste Kooperation mit Sanofi. Darin geht es um weitere bispezifische Programme für Autoimmun- und Entzündungserkrankungen, mit bis zu 2,56 Mrd. US-Dollar Gesamtpotenzial und bis zu 160 Mio. US-Dollar an Voraus- und frühen Zahlungen. Im März meldete Earendil zudem Finanzierungsrunden über insgesamt 787 Mio. US-Dollar. Sanofi gehörte auch hier zu den Investoren.
Damit ist Earendil Beispiel für ein Geschäftsmodell, bei dem eine Technologieplattform möglichst früh mit mehreren Pharmaunternehmen verzahnt wird. Das Unternehmen kombiniert nach eigenen Angaben KI-gestütztes Proteindesign mit experimentellen Hochdurchsatzverfahren. Neben Sanofi und nun Roche bestehen weitere Kooperationen, unter anderem mit WuXi für bispezifische und multispezifische Antikörper sowie ADCs.
Roche setzt auf viele externe Optionen
Der Earendil-Deal steht zugleich für die aktuelle Roche-Strategie. Seit Ende August hat der Konzern in kurzer Folge mehrere externe Technologie- und Wirkstoffdeals abgeschlossen. Ende August vereinbarte Genentech mit der chinesischen DualityBio eine ADC-Kooperation mit 45 Mio. US-Dollar upfront und mehr als 1 Mrd. US-Dollar potenziellen Meilensteinen. Anfang September folgte mit Simcere ein Lizenzdeal über den trispezifischen Antikörper SIM0660 mit einem Gesamtvolumen von bis zu 1,53 Mrd. US-Dollar. Mitte September kam die bis zu 1 Mrd. US-Dollar schwere Bispecific-Partnerschaft mit Dualitas Therapeutics hinzu.
Das zeigt die breit angelegte Suche nach neuen Pipeline-Optionen. Roche verteilt dabei einen Teil des wissenschaftlichen und klinischen Risikos auf mehrere Biotech-Partner und greift zugleich auf Technologien zu, die intern nicht zwangsläufig in derselben Geschwindigkeit oder Breite aufgebaut werden können – und nun auch nicht mehr aufgebaut werden müssen. Die Deals sind überwiegend stark erfolgsabhängig strukturiert: vergleichsweise begrenzte Vorauszahlungen stehen hohen potenziellen Meilensteinzahlungen und Royalties gegenüber.
Dealbereitschaft ist hoch, Biotech im Fokus
Das Muster ist inzwischen bei vielen großen Pharmaunternehmen zu beobachten. Statt Innovation ausschließlich über Übernahmen spätklinischer Unternehmen oder fertiger Produkte einzukaufen, werden zunehmend Plattformen und Programme bereits in der Entdeckungs- oder frühen Entwicklungsphase über Partnerschaften zugänglich gemacht. Für die Biotech-Seite bedeutet das Zugang zu Kapital, Entwicklungsinfrastruktur und globaler Vermarktung; für Pharma entsteht ein Portfolio vieler Optionen, von denen sich nur ein Teil bis zur Marktreife entwickeln muss.
Gerade Earendil zeigt, wie daraus ein eigenes Geschäftsmodell entstehen kann: Eine junge Plattform wird nicht nur einmal lizenziert, sondern kann nacheinander mehrere Programme und Kooperationen mit großen Pharmapartnern hervorbringen. Für Roche wiederum ist der aktuelle Deal weniger eine Einzelwette als ein weiterer Baustein in einer zunehmend extern ausgerichteten Suche nach neuen Antikörper-, ADC-, trispezifischen und Small-Molecule-Programmen.

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Roche.com, Media
Illustration YUMAB GmbH